Talking Heads

Das Fernsehjahr 2011 im Rückblick: 10 Analysen und 10 Bilder
Von Dietrich Leder

Zu Beginn
Das Jahr begann und endete mit der Krise eines Politikers. War es im Frühjahr der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der sich mit der Frage konfrontiert sah, wie er seine juristische Doktorarbeit geschrieben hatte, wurde am Jahresende Bundespräsident Christian Wulff der Frage ausgesetzt, wie er als niedersächsischer Ministerpräsident sein Privathaus finanziert habe. Die Krisen begannen mit der öffentlichen Kritik eines Wissenschaftlers an der Qualität der Dissertation des Barons zu Guttenberg und mit vorsichtigen Anfragen der Presse bei Wulff. Beide Politiker reagierten gleich: In ausgewählten öffentlichen Auftritten wehrten sie in robuster Manier jegliche Kritik ab. Das provozierte verstärkt Recherchen der Presse wie im Internet, deren Ergebnisse Zweifel und Kritik radikalisierten. Nun gaben beide Politiker erstmals Verfehlungen zu und baten für dieses Geständnis allzu menschlicher Fehler jeweils um Vergebung. Als sich bei Karl-Theodor zu Guttenberg jedoch herausstellte, dass es in seiner Doktorarbeit nicht nur einige kleine Zitierfehler gab, sondern dass der Text viele ungekennzeichnete Übernahmen fremden geistigen Eigentums enthielt und darob die Universität Bayreuth ihm den Doktortitel aberkannte, konnte er seine Position nicht mehr halten und trat im März zurück. Christian Wulff, der wie Guttenberg bislang scheibchenweise immer nur das einräumte, was längst erwiesen war, ist am Ende des Jahres noch im Amt.
Studiert man die wenigen Fernsehauftritte der beiden im Zuge ihrer jeweiligen Krise, fällt eine weitere Gemeinsamkeit auf. Beide differenzieren fast zwanghaft in ihren Stellungnahmen zwischen einem „Ich“, mit dem das Subjekt, der Mensch gemeint ist, und einem „Man“, hinter dem sich die Zwänge, die Gefährdungen, das Risiko beispielsweise einer Dissertation und grundsätzlich die Unwägbarkeiten des Berufs als Politiker verbergen. Sie, die sich beide gerne auf ihre mehrfach publizierte Biografie berufen, erscheinen im Moment der Krise im Fernsehen als nebulöse Wesen, die für keinen fest zu greifen sind. Gemeinsam ist beiden übrigens auch die Unterschätzung neuer Medientechniken: Guttenberg glaubte nicht, dass seine Plagiate so rasch und umfassend entdeckt werden könnten, was aber im Internetzeitalter im Handumdrehen geschah. Und Wulff meinte, er könne sich einer Mailbox anvertrauen, die etwas speicherte, also auf Dauer festhielt, was einer momentanen Stimmung entsprang. (Erinnert sei auch daran, dass im Jahr 2011 in Schleswig-Holstein ein für hohe Ämter auserkorener CDU-Politiker stolperte, weil er den Begriff der Freundschaft bei Facebook allzu wörtlich nahm.)
Die Gemeinsamkeiten von Wulff und Guttenberg endeten bei den Bataillonen, die sie zu Beginn der Krisen für sich mobilisieren konnten. Guttenberg hatte lange Zeit die „Bild“-Zeitung an seiner Seite, die ihn auch dann noch verteidigte, als vielen definitiv klar war, dass er sich in seinen Erzählungen um die Entstehungsgeschichte seiner Dissertation heillos verheddert hatte. Den Bundespräsidenten wiederum ging das Boulevardblatt, das ihn einst als Politiker neuen Typus in Homestorys gefeiert hatte, auf einmal frontal an. „Bild“ stieß dessen Kreditaffäre an und hielt sie durch weitere Hinweise in Schwung, als Wulff meinte, sie im Amt aussitzen zu können. Warum aber übt sich die „Bild“-Redaktion plötzlich dergestalt im investigativen Journalismus und geriert sich so – ganz im Gegensatz zu ihrer üblichen Arbeit – als Motor der Presse- und Meinungsfreiheit? Möglicherweise hat die Jagd auf Wulff ja personalstrategische Gründe, die noch keiner kennt. Möglicherweise handelt es sich aber auch nur um eine Art von Reflex. Weil „Bild“ in derGuttenberg-Affäre auf das falsche Pferd setzte, will man nun an vorderster Stelle mit dabei sein.
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hielt sich in der Kritik an den beiden Politikern zurück, folgte eher Blättern wie der „Süddeutschen Zeitung“ oder der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, statt ihnen zuvorzukommen. Aber indem es die Auftritte von Guttenberg und Wulff in Live-Schaltungen und in Exklusivsendungen dokumentierte, hielt es den Prozess der nur sukzessiv erfolgenden Geständnisse der beiden fest und legte die Differenz zwischen dem vermeintlich souveränen Habitus und der konstatierten Subjektschwäche frei. Die politische Klasse hat das genau beobachtet, weiß aber anscheinend noch nicht, wie sie darauf reagieren soll, da die klassischen Interventionen etwa in die öffentlich-rechtlichen Sender hinein in diesen Fällen keinen präventiven Schutz boten. Und sie muss lernen, wer mittels der Medien wie „Bild“ aufsteigt, kann auch von ihnen, selbst bei banalen Anlässen, gestürzt werden.

1. Politik
Die Zahl der politischen Talkshows nahm im Jahr 2011 weiter zu. Das Erste Programm fügte die neue Sendung von Günther Jauch seinen weiteren vier abendlichen Gesprächsformaten ohne ein Wimpernzucken hinzu, als seien noch mehr Talking Heads gleichsam eine Naturnotwendigkeit. Sat.1 ließ Claus Strunz unter dem Titel „Eins gegen eins“ (allerdings zu sehr später Stunde) ein Duell unter Politikern veranstalten. Das Dritte Programm HR Fernsehen wagte mit „Meinungsmacher“ ein neues Format, bei dem sich gleich drei Moderatoren abwechseln: Roland Tichy („Wirtschaftswoche“), Hugo Müller-Vogg („Bild“) und Bascha Mika (früher „taz“). Die Auswahl der drei Moderatoren spiegelt im Übrigen die politischen Verhältnisse im Hessischen Rundfunk bestens wider: Auf zwei konservative und marktliberale Stimmen kommt eine gegensätzliche. Überall wird also Politisches als Talk verhandelt. Da die Zahl der Themen aber ebenso endlich ist wie die der möglichen Teilnehmer, sah man noch häufiger als in den Vorjahren dieselben Figuren dieselben Dinge mit denselben Worten verhandeln, was beim sprachlosen Publikum ein Déjà-vu auf Dauer auslöste.
Diesem end- und folgenlosen Parlando der Talkshows, in denen Zeit keine knappe Ressource ist, stand die Wirklichkeit politischen Handelns entgegen. Kaum waren die merkwürdigen, aus weiter Ferne aufgenommenen Bilder des havarierten Atomkraftwerks in Japan um die Welt gegangen und in Live-Schaltungen permanent präsent, da reagierte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) prompt und verkündete zur Überraschung aller, selbst in den eigenen Koalitionsreihen, die Wende von der Wende, was nun den Ausstieg aus der Atomtechnologie bedeutete. Man kann das als eine durch die Medien induzierte Beschleunigung von Politik verstehen, die auf die Fernsehbilder reagieren möchte, bevor diese Bilder und ihre Botschaften in der Bevölkerung etwas an Stimmungen und Haltungen evozieren, was sich gegen diese Politik richten könnte. Politik koppelt sich somit derart an die medialen Informationsströme an, wie es der Finanzmarkt schon seit Jahren praktiziert, für den schon die Nanosekunde einer Verzögerung enorme Verluste erzeugen kann. (Diese Idiotie einer Echtzeitreaktion auf wirklich alle Nachrichten hat Robert Harris in seinem Krimi „Angst“ nachgezeichnet, in dem ein Algorithmus die Reaktion auf Nachrichten aller Art selbst übernimmt.)
Kein Wunder, dass die Politik 2011 vor allem damit beschäftigt war, die Krise des Euros und einzelner Nationalökonomien wie die Griechenlands in immer häufiger anberaumten Treffen zu bewältigen. Man kann die Nachrichtenbilder nicht zählen, die zeigten, wie Angela Merkel den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy begrüßte oder dieser sie. Abgelöst wurden diese Bilder von ebenso unzähligen Aufnahmen, in denen Minister mit wehenden Mänteln in Sitzungsräume eilten und zwischendurch nichtssagende Statements von sich gaben. Ergänzt von Gruppenbildern, in denen Sachverständige aller Art über die Euro-Schuldenkrise konferierten. Angesichts des Mangels an inhaltlicher Substanz, der diese Bilder prägte, mussten die Begriffe metaphorisch überhöht werden. So war von einem „Rettungsschirm“ für Griechenland die Rede, ohne dass klar wurde, wer da vor was eigentlich beschirmt werden sollte und wie denn eine Rettung aussehen könnte. Da wurde jedes Treffen zu einem „Gipfel“ hochstilisiert, als gäbe es keine Täler des politischen Handelns mehr. Angesichts des enorm angewachsenen Finanzhandels, der – wie wir dem klugen Buch „Das Gespenst des Kapitals“ von Joseph Vogl entnehmen können – mittlerweile auf „das Dreifache des weltweiten Umsatzes an Verbrauchsgütern“ angewachsen ist, könnte einem der Gedanke kommen, dass es mit den elektronisch weltweit flottierenden Informationen ähnlich aussieht: Sie wachsen drastisch, während ihre Wahrnehmung und intellektuelle Verarbeitung stagniert.
Von einem fundamentalem und dramatischem Dilemma der Politik sprach Papst Benedikt XVI. in seiner live im Fernsehen übertragenen Rede vor dem Deutschen Bundestag (22.9.): „Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewusstsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt.“ Vor Beginn seiner Deutschlandreise hatte der Papst das „Wort zum Sonntag“ (ARD, 17.9.) gesprochen.
Unmittelbar wahrgenommen und begriffen wurden die Fernsehbilder davon, was rückblickend „Arabischer Frühling“ oder „Arabellion“ genannt wird: der Aufstand in Ländern des Mittelmeerraums, die sich gegen ihre seit Jahrzehnten regierenden Despoten auflehnten – beginnend als friedlicher Protest, der zunächst von Militär und Polizei zerschlagen wurde und sich dann zu einem erst militanten, bald sogar strukturierten gewaltsamen Widerstand radikalisierte. Dank kleinster Videotechniken wie etwa der Mobiltelefone und der schnellen Distribution über das Internet gelangten die Aufnahmen des Protestes, seiner Niederschlagung wie des wachsenden Widerstands in alle Welt. Die klassische Gegenproduktion von Aufmärschen und Solidaritätsbekundungen mit dem Regime half da nicht mehr oder nur für kürzeste Zeit. Unter dem Druck brachen die Herrschaftssysteme in Tunesien, in Ägypten, in Libyen zusammen. Die an ihre Stelle tretenden neuen Systeme garantieren nicht unbedingt demokratische Verhältnisse, auch wenn das mancher glaubt.
In Herbst machte in Deutschland eine neue Partei Furore, die anders als die etablierten für sich reklamierte, mit den neuen Medien und besonders dem Internet auf gutem Fuß zu stehen. Die Piratenpartei trat auf und agierte so, wie man sich eine politische Opposition in einer guten Soap vorstellen würde: laut, schrill und vor allem schräg. So brachte denn auch eine Satiresendung die neue Partei am besten auf den Begriff: Als die Piratenpartei am Tag der Wahl in Berlin ihren Einzug in den Senat feierte, befragte ein Reporter der „heute-show“ (ZDF) zahlreiche Mitglieder nach dem vordringlichsten Ziel und erntete dabei gefühlte dreißigmal die Antwort „Transparenz“. Mit diesem Begriff könnte auch der Bundespräsident gut leben, versprach er doch in der der Affäre um seinen Hauskredit permanente „Transparenz“.
Als bei Arte im Februar der Dokumentarfilm „Gladio – Geheimarmeen in Europa“ von Wolfgang Schoen und Frank Gutermuth lief (16.2.), schien sein Thema eines rechtsradikalen Untergrunds in Europa, der Waffen sammelt und Morde begeht, wie aus einer fernen Zeit zu stammen. Dann führten das Attentat von Oslo und die nachfolgenden Morde an Jugendlichen auf der Insel Utøya einem entsetzten Westeuropa vor Augen, dass die Gefahr eines mörderischen Rechtsradikalismus noch lange nicht gebannt ist. Und das nicht nur in Norwegen und nicht nur in der Gestalt eines Einzeltäters wie Anders Behring Breivik, der sich am Ende seines Massakers der Polizei ergab. Das musste Deutschland im Herbst erfahren. Eine seit langem Rätsel aufgebende Mordserie, für die der „Spiegel“ noch Mitte August (Nr. 34/11) eine „mafiöse Organisation türkischer Nationalisten in Deutschland“ als möglicherweise verantwortlich bezeichnet hatte, stellte sich als Verbrechen einer kleinen Gruppe von deutschen Rechtsradikalen heraus („Zwickauer Zelle“), die seit über zehn Jahren vor allem Ausländer oder die, die sie dafür hielten, ermordeten. Nun waren es wiederum derselbe „Spiegel“ und sein Fernsehableger Spiegel TV, die schnell schalteten und in umfangreichen Recherchen nachwiesen, dass die deutschen Verfassungsschützer dem mörderischen Treiben willen- oder hilflos zugesehen hatten und dass die Polizei wichtige Spuren nicht oder falsch gedeutet hatte.

Monica Lierhaus
Die Frau kam in ihrem hellblauen Abendkleid mit unsicheren Schritten vom Bühnenhintergrund nach vorn. Es war gegen 23 Uhr am 5. Februar in Berlin während der Live-Übertragung des ZDF von der „Goldenen Kamera“, die Springers Programmzeitschrift „Hörzu“ jährlich an Prominente vergibt. Die Frau hatte sichtlich Bewegungsschwierigkeiten und musste von einem Mann, der sich als ihr Lebensgefährte herausstellte, geführt werden. Aber Monica Lierhaus war der eiserne Wille anzusehen, diesen ersten Auftritt in der Öffentlichkeit nach einer langen und schweren Krankheit gut zu absolvieren. Die Zuschauer klatschten und die ersten von ihnen standen bereits auf, als sie sich bei den vielen Menschen bedankte, die ihr bei der Genesung geholfen hatten. Sie sprach mit einer monotonen Stimme, der man die Mühen der Rehabilitation anhörte. Dann wandte sie sich an ihren Lebensgefährten und fragte ihn, ob er sie heiraten wolle, was dieser vor ihr auf die Knie fallend bejahte. So bewegend diese Rückkehr in die Öffentlichkeit war - sie hinterließ dennoch einen faden Nachgeschmack. War sie doch von exklusiven Geschichten in Springer-Blättern begleitet. Der Medienscoop enthüllte den gewünschten Kitsch des inszenierten Auftritts.

2. Die öffentlich-rechtlichen Sender
Für das ZDF war 2011 ein erfolgreiches Jahr. Das hatte mehrere Gründe. Zum ersten gelang es, den Wechsel in der Intendanz reibungslos über die Bühne zu bringen. Wer sich an die Streitereien erinnert, aus denen Markus Schächter 2002 erst nach einem halben Jahr als Intendant hervorging, weiß das zu würdigen. Eingeleitet hatte das Verfahren der amtierende Intendant selbst, als er Ende Januar 2011 überraschend bekannt gab, er wolle nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren. Groß erläutert hat Schächter seine Entscheidung nicht. Doch zwei Begründungen liegen nahe. Zum einen wäre er am Ende einer dritten Amtszeit 67 Jahre alt und er hatte bei der ARD erlebt, dass solche letzten Jahre im Amt nicht immer unbedingt angenehm sein müssen. Zum anderen würde er wohl kein Vergnügen dabei empfunden haben, bei jenen Mitgliedern des ZDF-Fernsehrats um Zustimmung für eine dritte Amtszeit zu bitten, die ihm 2010 in der „Affäre Brender“ die Unterstützung verweigert und ihn damit brüskiert hatten. Die Normenkontrollklage, die im Zuge dieser Affäre der rheinland-pfälzische Ministerpräsident und ZDF-Verwaltungsratsvorsitzende Kurt Beck (SPD) im Dezember 2010 eingereicht hatte, ist noch beim Bundesverfassungsgericht anhängig.
Seine Entscheidung erlaubte es Schächter, den von ihm gewünschten Nachfolger, Programmdirektor Thomas Bellut, geschickt für den ZDF-Intendantenposten in Position zu bringen. Und so wurde Bellut im Juni 2011 mit einem an stalinistische Verhältnisse erinnernden Ergebnis vom Fernsehrat zum Intendanten gewählt: mit 70 Ja-Stimmen und einer Nein-Stimme bei zwei Enthaltungen. Er wird sein Amt am 15. März 2012 antreten. Bellut, der aus dem konservativen Lager des ZDF kommt, hat sich seine Reputation als Programmdirektor durch eine Reihe von Innovationen erworben. Dass der Sender gleich mit zwei kabarettistischen Formaten für Furore sorgte (mit dem klassischem Format „Neues aus der Anstalt“ und der modernen „heute-show“), ist auch eine Leistung Belluts.
In seiner Funktion als Programmdirektor war Thomas Bellut auch an der Neuausrichtung der Digitalprogramme beteiligt, aus der 2010 ZDFneo hervorging und 2011 ZDFkultur sowie zusätzlich ZDFinfo. Mit diesen Angeboten hat sich das in Mainz ansässige ZDF von einem zentralen Problem befreit, das den öffentlich-rechtlichen Sender seit seiner Gründung beschäftigte. Anders als die ARD und ihre Landesrundfunkanstalten, die sich zu ihrem Ersten Deutschen Fernsehen ihrer föderalen Struktur entsprechend bereits Mitte der 1960er Jahre eigene Dritte Programme zu gelegt hatte, war das ZDF auf sein Hauptprogramm fixiert. An weiteren Sendern wie 3sat oder Arte beteiligte man sich nur gemeinsam mit der ARD und weiteren ausländischen Sendern. Und die ZDF-Digitalkanäle blieben randständig – bis zu ihrer Reform.
Intendant Schächter bezeichnete ZDFkultur kurz vor dem Start des Senders als „Talenthaus“, in dem man – so wie in den 1970er Jahren die ARD in ihren Dritten Programmen – neue Formen, Formate und Personen ausprobieren könne. Das Geld dafür muss allerdings anderswo eingespart werden. Intelligente Mehrfachverwertungen auch auf 3sat und Arte helfen, so scheint es, die Folgen dieser Sparanstrengungen in Grenzen zu halten. Und gleichzeitig hat die Chance, sich an etwas Neuem zu beteiligen, manche Redaktion, die in der Mainzer Idylle des Lerchenbergs ermüdet und ermattet wirkte, mit frischem Elan versehen.
Andere Entscheidungen von Schächter und Bellut werden im Haus kritischer betrachtet, beispielsweise die Idee, für viel Geld in einem Bietergefecht gegen den Privatsender Sat.1 die Free-TV-Rechte für die Übertragung der Fußball-Champions-League ab der Saison 2012/13 zu erwerben. Die Kritik hat zwei Argumente. Zum einen seien die Rechte überteuert, indem man sie erwürbe, beteilige man sich an einem sinnlosen Überbietungswettbewerb. Zum anderen hänge der Wert der Rechte stark vom jeweiligen Saisonverlauf ab, denn scheiden die deutschen Mannschaften früh aus, muss man Spiele übertragen, an denen das Interesse der Zuschauermassen eher gering ist. Dass Schächter und Bellut die Rechte dennoch erwarben, folgt vermutlich einer Strategie, die auch zur Modernisierung der Digitalkanäle führte. Diese Strategie setzt auf eine stärkere Autonomie des ZDF, das sich deshalb auch mehr von der ARD absetzen muss. Wenn die ARD die Bundesliga-Rechte kauft und dafür sehr viel Geld ausgibt, wenn sie Günther Jauch einkauft und Thomas Gottschalk abwirbt, dann hält das ZDF nun dagegen: mit der Champions League, mit den neuen attraktiven Digitalprogrammen und mit der Entscheidung, ab Januar 2012 konsequent eigene Nachrichten im Vormittagsprogramm anzubieten und auf die dortige Kooperation mit der ARD-„Tagesschau“ zu verzichten.
Verglichen mit dem ZDF erging es der ARD schlecht. Das lag nicht am Ersten, das in einem überschaubaren Rahmen Zuschauer verlor, oder an den Dritten Programmen, die mit ihren tranigen Angeboten voller Gebietsfolklore und mit ewig währenden „Tatort“-Wiederholungen erfolgreich blieben, sondern der Grund dafür waren Skandale und strukturelle Probleme. Das alles bündelte sich im Jahr 2011 unter dem Kürzel MDR. Der Intendant dieses Senders, Udo Reiter, erklärte im Mai überraschend, er wolle sein Amt gegen Ende des Jahres zur Verfügung stellen, er werde abtreten, sobald die Nachfolge geregelt sei.
In einem Interview mit dem „Spiegel“ (Nr. 44/11) sagte Reiter, der seit der Errichtung der mitteldeutschen Drei-Länder-Anstalt 1991 insgesamt 20 Jahre lang als Intendant amtierte, dass es „19 hinreißende Jahre“ gewesen seien und „ein verflixtes“. Diese Erkenntnis hat er exklusiv. Denn was 2011, ansatzweise jedoch schon in den Vorjahren bekannt wurde, hat seine Ursache im System Reiter. Zu dem gehört beispielsweise eine systematische Nicht-Kontrolle der Finanzen, eine willfährige Personalauswahl und eine an selbstherrliche Gutsherren erinnernde Geschäftsführung. Zur Erinnerung: 2005 wird der Sportchef des Senders entlassen, weil er in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte; 2010 wird der langjährige Herstellungsleiter des dem MDR attachierten Kinderkanals (Kika) entlassen, weil er für 8,2 Millionen Euro überteuerte Rechnungen von Produzenten genehmigte und den Gewinn zur einen Hälfte in die eigene Tasche steckte und zur anderen Hälfte einem Kumpan zuschusterte. Der ehemalige Herstellungsleiter des Kika wurde mittlerweile letztinstanzlich zu einer Haftstrafe verurteilt, das Verfahren gegen den Mitbetrüger läuft noch.
Und im Juli 2011 wird der Unterhaltungschef des MDR suspendiert, weil er ein verschlungenes System errichtet hatte, bei dem Produzenten Shows teilweise vorfinanzierten und sich auf diese Weise wohl gewisse Anrechte auf Weiterbeschäftigung erwarben, wofür sie umgekehrt den Unterhaltungschef als Berater mit Geld honorierten. Doch damit nicht genug. Die Laxheit bei finanziellen Kontrollen reichte auch noch über den MDR hinaus. Ende November wurde der Geschäftsführer der Filmgesellschaft Degeto, Hans-Wolfgang Jurgan, abberufen, weil durch externe Kontrolleure festgestellt worden war, dass er das Budget des der ARD gehörenden Unternehmens weit überzogen hatte. Vorsitzender des Gremiums, das den Geschäftsführer kontrollierte oder besser: wirtschaften ließ, war selbstverständlich Udo Reiter.
Dass Reiter angesichts dieses von ihm als Intendant zu verantwortenden Desasters dennoch versuchte, in Allianz mit der sächsischen CDU auch noch seine Nachfolge beim MDR zu regeln, mutet im Rückblick als Hybris an. Tatsächlich ging dieser Versuch gewaltig schief. Denn der von der Staatskanzlei Sachsens lancierte Kandidat Bernd Hilder, Chefredakteur der „Leipziger Volkszeitung“, scheiterte am 26. September im Rundfunkrat des Senders eklatant. Eine Zwei-Drittel-Mehrheit wäre notwendig gewesen, stattdessen sprachen sich mehr als zwei Drittel des Rundfunkrats gegen den einzigen Kandidaten aus. Ein beispielloser Vorgang in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks! Am 23. Oktober wurde dann Karola Wille, bis dahin Justiziarin und stellvertretende Intendantin des MDR, als Nachfolgerin des Mannes gewählt, der sie nicht vorschlug, sondern wohl eher zu verhindern trachtete. Anfang November trat sie ihr Amt an und übernahm damit die Aufgabe, das Erbe Reiters zu ordnen oder – besser gesagt – den Stall MDR auszumisten.
Selbstverständlich war beim MDR in den vergangenen 20 Jahren nicht alles schlecht. In Abwandlung des Satzes von Reiter gilt es festzuhalten: Es gab auch einige gute Jahre. Die strukturellen Defizite des Systems Reiter rührten vermutlich aus den Anfangsjahren des Senders her, als ganze Bataillone von randständigen Redakteuren und Redaktionsleitern des Bayerischen Rundfunks (BR), von dem Reiter stammte, und anderer ARD-Anstalten nach Dresden und Leipzig eilten, um endlich die Karriere zu machen, an der sie – wie sie selbst glaubten – anderswo sozialdemokratische Rundfunkräte gehindert hatten. Beim MDR konnten sie, gedeckt von einer lange Zeit starken Mehrheit der CDU in den Parlamenten der drei beteiligten Länder Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, in Ruhe wirtschaften. Genial ihr Kompromiss mit jenen, die aus dem alten Deutschen Fernsehfunk (DFF) der DDR übriggeblieben waren und dafür sorgten, dass das Dritte Programm MDR Fernsehen ästhetisch die Kontinuität wahrte, während es politisch auf die neue Linie der Landesregierungen gebracht wurde. Als große Leistung dieses neuen Senders für die ARD gilt das werktägliche Magazin „Brisant“, mit dem das Erste Programm den Anschluss an RTL und dessen Sex-and-Crime-Angebot „Explosiv“ schaffte.
Hinter den Skandalen und Affären des MDR verschwanden andere Personalentscheidungen bei der ARD. Nachfolger des Ende Januar 2011 im Amt verstorbenen SR-Intendanten Fritz Raff, der ob seines ausgleichenden Charakters, seiner Bodenständigkeit und seines Humors der ARD fehlt, wurde Thomas Kleist, der Mitte April aus einer Stichwahl des Rundfunkrats als Sieger hervorging und sein neues Amt in Saarbrücken Anfang Juli übernahm. Die Auseinandersetzungen mit der ARD-Generalsekretärin Verena Wiedemann, die sich im Lauf ihrer von 2006 bis 2011 währenden Amtszeit immer stärker an den Rand gedrängt sah und deshalb gegen den Senderverbund Klage erheben wollte, endeten im September in einem Vergleich vor Gericht.
In den monatelangen Arbeitsgerichtsverfahren mit Redakteuren, in die sich der WDR auf heillose Weise verstrickte, stand er am Ende meistens als Verlierer da. Schließlich sah man sich im ersten halben Jahr mit dem Problem konfrontiert, dass ARD-Wettermoderator Jörg Kachelmann in einem die Medien bewegenden Prozess vor Gericht stand, an dessen Ende er am 31. Mai nach dem Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ freigesprochen wurde. Ende Oktober wurde bekannt, dass die ARD Kachelmanns Firma Meteomedia den Produktionsauftrag für die Wettermeldungen in den „Tagesthemen“ entziehen und an eine Tochter der Bavaria weitergeben werde. Für eine zukunftstaugliche Strategie hatte die ARD aus all diesen Gründen keine Zeit. Kein Wunder.

Der Tahrir-Platz in Kairo
Es war die bekannteste Ansichtstotale des Frühjahrs. Sie war in allen Nachrichtensendungen und fast permanent auf CNN und Al-Jazeera zu sehen. Hergestellt von Kameras, die in den obersten Etagen oder auf den Dächern der den Platz umschließenden Häuser postiert waren. Sie zeigte seit Anfang Februar den Tahrir-Platz in Ägyptens Hauptstadt Kairo, von dem mehrere Straßen sternförmig abgehen und der selbst in weitere Vor- und Nebenplätze zerfließt. Hier traf sich die Opposition gegen das Mubarak-Regime und artikulierte vor den Kameras der Welt ihren Protest. Die Menschen zelteten dort. Und sie blieben auf diesem Platz, selbst als Polizei oder Militär sie verdrängen wollte oder als auf Kamelen berittene Schläger sie angriffen. Der zivile Ungehorsam einte sie, ansonsten wirkten sie politisch, gesellschaftlich, religiös heterogen. Westlich orientierte Männer standen neben traditional gekleideten. Frauen mit strenger Kopfbedeckung riefen ihre Slogans gemeinsam mit Frauen, die ihre Haare frei und offen trugen. Die Ansichtstotale vom Tahrir-Platz war das Gegenbild zu den Machtsymbolen des Regimes von Husni Mubarak, das bald stürzte. Doch man konnte angesichts des Bildes auch bereits den Zerfallsprozess des Protestes erahnen.

3. Die privaten Medienunternehmen
Wirtschaftlich verlief das zurückliegende Jahr für die deutschen Medienkonzerne erfolgreich. Sowohl die RTL Group als auch die ProSiebenSat.1 Media AG steigerten Umsatz und Gewinn. Zudem konnten die strukturellen Probleme der beiden Medienunternehmen reduziert werden. So blieb zwar die Renditeerwartung der Bertelsmann AG an ihre Cashcow namens RTL Group weiterhin sehr hoch, gleichzeitig jedoch nahm die Verschuldung des Gütersloher Konzerns ab. Die Ankündigung, dass zum 1. Januar 2012 Thomas Rabe Hartmut Ostrowski als Vorstandsvorsitzenden der Bertelsmann AG ablösen werde, deutete darauf hin, dass die Phase der Konsolidierung bald abgeschlossen ist.
Rabe, der auch schon einmal als Vorstandsvorsitzender bei ProSiebenSat.1 im Gespräch war, wird anders als sein Vorgänger den Konzern ausbauen und umstrukturieren. Das gilt vermutlich auch für die RTL Group, an deren Spitze seit Jahren Gerhard Zeiler steht. Ihn zog es 2011 jedenfalls nicht zurück in seine alte Heimat Österreich, als dort im Zuge der bevorstehenden Neubesetzung des Generaldirektorenpostens beim ORF darüber spekuliert wurde, dass Zeiler einer der Kandidaten sei. Als weiteres Vorstandsmitglied der RTL Group wurde zum Jahreswechsel Guillaume de Posch engagiert, der ehedem beim Konkurrenzunternehmen ProSiebenSat.1 fünf Jahre lang für drastische Kostenreduktionen gesorgt hatte. Neuestes Expansionsziel der internationalen RTL Group ist Indien, wo man mit der Reliance Group ein Joint-Venture für Spartenkanäle abgeschlossen hat. (1)
Bei den deutschsprachigen Fernsehsendern wird de Posch wenig zum Sparen finden. Vor allem das Mutterschiff RTL ist gnadenlos auf Effektivität getrimmt. Enorm billige Real-Life-Formate, ob nun mit Laien durchgehend nach Drehbuch inszeniert oder tatsächliche Vorgänge überhöhend nachgestellt, ziehen etwa nachmittags weiterhin ein großes Publikum an. Dass einige dieser Formate auslaufen – so gab die „Super Nanny“ Katia Saalfrank im November entnervt auf – stört RTL-Chefin Anke Schäferkordt nicht groß. Wichtiger war ihr die Vertragsverlängerung mit der Formel 1, knüpft der Sender hier doch dank der Erfolge von Weltmeister Sebastian Vettel fast an alte Höchstwerte bei den Zuschauerzahlen an. Um teure Fußballrechte hat sich RTL denn auch gar nicht erst beworben. Auch die anderen Programme, die dem Unternehmen gehören (Vox, Super RTL, n-tv), blieben ihrer Linie treu. Der Sender RTL II, an dem die RTL Group nur einen Minderheitsanteil von 35,9 Prozent hält, investierte deutlich in neue Unterhaltungsformate.
Größter Erfolg der ProSiebenSat.1 Media AG war der Verkauf ihrer Tochter SBS Nederland im Sommer. Damit konnte der börsengeführte Medienkonzern seine Schulden auf rund drei Milliarden Euro drücken. Die steigenden Umsätze und wachsenden Gewinne sollten eigentlich für gute Stimmung bei den Anlegern sorgen. Doch der Aktienkurs der ProSiebenSat.1-Gruppe ging auf eine beträchtliche Talfahrt. Wurde die Aktie zu Beginn des Jahres 2011 noch mit rund 24 Euro notiert, rutschte ihr Kurs im Herbst durch die Euro-Krise auf 10 Euro. Am Ende des Jahres wurde das Papier mit zirka 14 Euro bewertet. Schuld an dieser Talfahrt hatten neben den konjunkturellen und den finanzpolitischen Gründen auch schlechte Nachrichten für das Programm. So schnappte das ZDF Sat.1, beginnend ab der Saison 2012/13, die frei empfangbaren Spiele der Champions League weg, so dass Sat.1 in absehbarer Zeit ohne Spitzenfußball dastehen wird. Positive Nachricht: Joachim Kosack wurde am 4. Oktober zum Geschäftsführer von Sat.1 ernannt und folgte in dieser Funktion auf Andreas Bartl, der für den Sender zuständiges Mitglied im Vorstand der AG bleibt.
Auch der Aktie des zum Medienimperium von Rupert Murdoch gehörenden Pay-TV-Unternehmens Sky Deutschland erging es 2011 nicht gut. Zwar sah es Mitte des Jahres so aus, als würde sie sich etwas erholen, als sie ihren Spitzenwert von 3,88 Euro erreichte (bei einem Ausgangswert im Januar von knapp unter 2 Euro); doch mit dem Dax ging auch diese Aktie im Herbst in den Keller und wurde am Ende des Jahres mit dem Niedrigstwert von 1,43 Euro gehandelt. Tatsächlich gelang es dem Abonnementsender weiterhin nicht, die Zahl der vertraglich gebundenen Kunden auf die notwendigen drei Millionen zu erhöhen. Nachrichten über die Verluste von Filmrechten des Hollywood-Studios Paramount, aber auch die überraschende Meldung, Sky werde beim nächsten Bietergefecht um die Rechte an der Fußball-Bundesliga nicht mehr darauf drängen, dass die Free-TV-Ausstrahlung in den späten Abend verschoben werden müsse, mögen die Aktienbesitzer irritiert haben. Dass die Münchner Staatsanwaltschaft am 25. Mai die Räume des Pay-TV-Senders durchsuchte, hat nicht der derzeitige Vorstand um Brian Sullivan zu verantworten. Die Beamten waren auf der Suche nach Beweisen für geschönte Abonnementzahlen aus der Ära seines Vorgängers Georg Kofler.
Am 14. Juli starb im Alter von 84 Jahren Leo Kirch, der ja einst den heutigen Pay-TV-Sender Sky – damals noch unter dem Namen Premiere – mitbegründet hatte und der sich dabei nicht zuletzt am Erwerb von Exklusivrechten überhob. Sein Tod beendete aber nicht die diversen Gerichtsverfahren, in denen weiterhin über die Ursachen des Kirch-Konkurses von 2002 gestritten wird. Noch am 25. März war Leo Kirch persönlich im Münchner Oberlandesgericht erschienen, um im Prozess gegen den einstigen Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer auszusagen. Doch es steht zu vermuten, dass die historische Wahrheit über den Fall des Leo Kirch nicht vor Gericht ermittelt werden wird. Sie könnte wie die seines Aufstiegs irgendwann durch Medienhistoriker beschrieben werden, falls Kirchs Erben denn eines Tages die Akten öffneten. Was aber nicht zu erwarten ist – sie werden weiter schweigen, wie es Kirch selbst Zeit seines Lebens getan hat.
Einer, der nie geschwiegen hat, will es im Alter noch einmal wissen. Am 10. August verkündete Helmut Thoma, der einst RTL in die Gewinnzone gehievt hatte, er plane einen neuen Sender namens Volks-TV. Gedacht sei an einen 24-stündiges Spartenprogramm mit Schwerpunkt auf Bildung und Unterhaltung. Später konkretisierte Thoma die Pläne: Der neue Sender solle Lokalfernsehanbietern ein bundesweites Rahmenprogramm zuliefern. Zunächst war von einem Start Ende des Jahres 2011 die Rede, dann wurde er auf Frühjahr 2012 verschoben.
Ende Mai hatte der Glücksspielsender 9Live seinen Betrieb eingestellt, ohne dass ihn jemand vermisst hätte, ganz im Gegenteil. Das Vierte suchte weiter nach Käufern und drangsalierte seine wenigen Zuschauer mit einer penetranten Unterbrecherwerbung bei den Spielfilmen. Verglichen damit ist Tele 5 ein ausgesprochen solider Repertoiresender, der seine Serien und Spielfilme pflegte und angemessen präsentierte. Der Spartenkanal Sport 1, der aus dem Deutschen Sportfernsehen (DSF) hervorging, setzte weiter auf seine Kompetenz auf dem Fußballsektor, schwächelte aber wie zuvor an den Programmrändern. Bedeutsam für die Fernsehdistribution ist die vom Kartellamt genehmigte Übernahme von Kabel BW durch den Konzern Unity Media, der wiederum zum Reich des amerikanischen Medienunternehmers John Malone gehört. Ob künftig auch die Kunden von Kabel BW all die Nachteile erleben dürfen, die schon seit langem zum Alltag der Kunden von Unity Media gehören (etwa das eingeschränkte Programmangebot)?
Bleiben die Veränderungen in jenen Presseunternehmen, die sich einst am Fernsehen beteiligten. Nach einer stellenweise absurd anmutenden Affäre um Kommentarbeiträge von Konstantin Neven DuMont auf der Internetseite von Stefan Niggemeier - der Anfang Oktober zum „Spiegel“ ging und dort hoffentlich die Fernsehkritik revitalisieren wird - trennte sich Ende Januar der Kölner DuMont-Verlag vom Sohn des Altverlegers Alfred Neven DuMont als Vorstandsmitglied. Im Dezember startete Konstantin Neven DuMont dann sein Internetportal evidero.de mit Blogs und Videos zu Themen wie „Geld“ und „Essen“.
Apropos Essen: Eine Sensation bahnte sich im Herbst beim WAZ-Konzern an, als Petra Grotkamp ankündigte, sie wolle die Anteile der Brost-Familie erwerben. Damit würde die seit der Gründung der WAZ bestehende Gewaltenteilung zwischen dem konservativen Funke-Clan, zu dem Grotkamp gehört, und der einst sozialdemokratischen Brost-Familie aufgehoben. Dass diese dem 470 Millionen Euro schweren Angebot zustimmen wird, hat seinen einzigen Grund darin, dass der 1995 verstorbene Mitbegründer Erich Brost seinen Sohn Martin einst verstoßen hatte. Nun rächen der und seine Kinder sich an der Tradition des Hauses. Manche Geschichten aus den Medienhäusern sind schöner als die vieler Soaps.

Karl-Theodor zu Guttenberg
Von diesem Auftritt gab es anders als von jenen, in denen sich der Beschuldigte schneidig zur Wehr gesetzt hatte, kein Live-Bild. So konnte an diesem 1. März in Berlin der Auftritt von Karl-Theodor zu Guttenberg, der ein Abgang war, erst 15 Minuten später, gegen 11.30 Uhr, gezeigt werden, nachdem die Bänder und Festplatten der Kameras in die umliegenden Fernsehsender transportiert worden waren. Nur der Nachrichtenkanal n-tv, dessen Korrespondent sein Handy eingeschaltet hatte, übertrug wenigstens den Originalton live im Fernsehen. Guttenberg verliest seine Erklärung vom Blatt. Er habe die Kanzlerin um die Entlassung aus dem Amt des Verteidigungsministers gebeten, es sei der schmerzlichste Schritt seines Lebens. Er trete nicht allein wegen seiner „so fehlerhaften Doktorarbeit“ zurück, sondern auch weil infrage stehe, ob er den „höchsten Ansprüchen“, die er an sich selbst stelle, noch nachkommen könne. Dann kritisiert er die Medien, die sich mehr für die Person Guttenberg und für seine Dissertation interessiert hätten als für den Tod von deutschen Soldaten in Afghanistan. Der Auftritt des CSU-Politikers ist ebenso selbst- wie mediengerecht. Er spricht im richtigen Tempo und selbst bei komplizierten Passagen verhaspelt er sich nicht. Nur am Ende droht die Stimme kurz zu kippen. Dann geht er so alleine ab, wie er gekommen war. Die Arbeit an der zweiten Chance als Politiker beginnt.

4. Fernsehfilm und Mehrteiler
Der deutsche Fernsehfilm, auch in seiner Variante als Kino-Koproduktion, stand im vergangenen Jahr wiederum im Blickpunkt der Kritik. Verzagt sei er, reduziert auf ein erdrückendes Mittelmaß, durchherrscht von einem allgemeinen Konsenszwang, zu wenig entschieden in seinen kommerziellen oder künstlerischen Zielen. Die, die sich an dieser Diskussion beteiligten, meinten es ernst. Keine billige Polemik, sondern genaue Detailbeobachtungen durchzogen ihre Argumentation. Schaut man auf das, was die Fernsehsender im Jahr 2011 ausstrahlten, findet sich für diese Behauptungen tatsächlich eine Reihe von Belegen. Wirklich ungewöhnliche Filme, in denen Schauspieler eine bislang ungeahnte Präsenz zeigten oder in denen die Geschichten einen starken Sog ausübten, waren in der Minderheit. Stattdessen dominierte oft die durchschnittliche Qualität mit Schauspielern, die man in ähnlichen Rollen mehrfach gesehen hatte. Routinefernsehen auf einem gewissen handwerklichen Niveau.
Das sind aber nicht die Probleme der Fernsehdirektorin des WDR. Verena Kulenkampff, die das Dritte Programm ihres Senders zu einem permanenten NRW-Quiz-Jubel-Daddeldu-Programm degradiert hat, wünschte sich am Ende des Jahres künftig auf dem Mittwochtermin um 20.15 Uhr im Ersten mehr Filme, „die nicht tödlich ausgehen“. Unterstützt wurde sie von ARD-Programmdirektor Volker Herres, als er beklagte, im Ersten „gibt es zu wenig zu lachen“. (Seine geniale Vermehrfachung von Talkshows erzeugte tatsächlich eher ungewollt Heiterkeit.) Beiden  schwebt anscheinend eine Humoroffensive am Mittwochabend vor, mit der man dann auch den zukünftigen Fußballübertragungen des ZDF von der Champions League begegnen könnte.
Von den Quoten, mit denen Kulenkampff und Herres so gerne argumentieren, lässt sich eine solche Kurskorrektur der ARD nicht begründen. Die Fernsehfilme am Mittwoch erreichten stabil 4,5 bis 6 Millionen Zuschauer und erwirtschaften damit einen sicheren Marktanteil zwischen 13,5 und 14,5 Prozent. Und es waren nicht die ohnehin schon existenten Komödien, die Höchstwerte erreichten, sondern klassische Themenstücke. Die Einlassungen von Verena Kulenkampff und Volker Herres basieren also nicht auf Zahlen, sondern allein auf ihrem persönlichen Geschmack und auf der Unkenntnis des eigenen Programms. Freitags um 20.15 Uhr wird seit einigen Jahren im Ersten zwangsgelächelt.
Die Kritik an den so plan- wie heillosen Strategieüberlegungen aus der ARD-Hierarchie salviert natürlich nicht jedes Unterfangen, gesellschaftliche Probleme und Konflikte szenisch nachzustellen. Erst wenn ein Thema in autonomen Geschichten aufgeht, wenn die erzählerische Kraft die Relevanzbehauptung verdrängt, wenn Nebenfiguren zu leben beginnen, statt einen sozialstatistischen Durchschnitt (oder das, was Redakteure, Produzenten, Autoren und Regisseure dafür halten) zu repräsentieren, dann gewinnen die Fernsehfilme auch künstlerisch (und eben nicht nur journalistisch) an Bedeutung.
Drei dieser besseren Themenfilme seien ausdrücklich erwähnt. „Homevideo“ (Arte, 19.8.; ARD/NDR/BR, 19.10.) von Jan Braren (Buch) und Kilian Riedhof (Regie) erzählt von der Leidensgeschichte eines Schülers, der durch das via Internet betriebene Mobbing seiner Klassenkameraden in eine auswegslose Lage gedrängt wird; Jonas Nay verleiht dem 15-jährigen Jakob Glaubwürdigkeit. „Kehrtwende“ (ARD/WDR, 13.4.) von Johannes Rotter (Buch) und Dror Zahavi (Regie) porträtiert einen Lehrer, der nach außen jovial und engagiert wirkt, aber im Innern der Familie wütet und um sich schlägt; Dietmar Bär erfasst die Übergänge von der Jovialität zur Gewalt mit großer Differenziertheit, ohne die Figur zu entschuldigen. „Es war einer von uns“ (Arte, 28.1.; ZDF, 21.11.) von Astrid Ströher (Buch) und Kai Wessel (Regie) rekonstruiert die Geschichte einer Vergewaltigung aus der Sicht des Opfers; Maria Simon verkörpert den leisen Furor der Figur, den ihr unbekannten Täter zu identifizieren, beeindruckend. Ähnliche gute Schauspielerleistungen gab es 2011 auch vom ewig unterschätzten Andreas Schmidt im Melodram „Ein guter Sommer“ (ARD/HR, 29.6.) von Michael Schenk (Buch) und Edward Berger (Buch/Regie) sowie von Götz George als sterbenskrankem Staatsanwalt in „Nacht ohne Morgen“ (ARD/WDR, 30.11.) von Karl-Heinz Käfer (Buch) und Andreas Kleinert (Regie).
Dem erwähnten Thema Schule widmeten sich noch andere Filme. „Die Lehrerin“ (Arte/ZDF, 26.8.) von Laila Stieler (Buch) und Tim Trageser (Regie) erzählt vom Kampf der Titelfigur (Anna Loos) gegen ihre Traumatisierung nach einem Amoklauf in ihrer Schule. Und in „Sie hat es verdient“ (ARD/BR, 14.9.) von Thomas Stiller (Buch/Regie) mündet die Rivalität zweier Schülerinnen um Anerkennung in einem Mord. Auch den familiären Problemen stellten sich Filme: Ein grantelnder Vater (wunderbar: Fritz Schediwy) sorgt in „Die fremde Familie“ (ARD/BR, 12.1.) von Daniel Nocke (Buch) und Stefan Krohmer (Regie) dafür, dass die familiären Verhältnisse gründlich durcheinandergewirbelt werden. In „Das geteilte Glück“ (ARD/SWR, 2.2.) von Stefan Dähnert (Buch) und Thomas Freudner (Regie) wird nach Jahren festgestellt, dass nach der Geburt die Babys zweier sozial völlig unterschiedlicher Familien vertauscht wurden. Und Jan Josef Liefers verleiht in „Der Mann auf dem Baum“ (ARD/WDR, 23.11.) von Silke Zertz (Buch) und Martin Gies (Regie) dem um den Zugang zu seinem Sohn kämpfenden Vater eine komische Note.
Dann gab es noch große Mutter- und Frauenrollen: Christine Neubauer kämpft in einer lange Zeit eher verhärmt angelegten Rolle des in den 1960er Jahren spielenden Zweiteilers „Der kalte Himmel“ (ARD/BR/Degeto, 3./4.1.) von Andrea Stoll (Buch) und Johannes Fabrick (Regie) um ihren an Autismus erkrankten Sohn und erzielte als „Gottes mächtige Dienerin“ (ARD/BR/Degeto 22./23.4.) von Henriette Piper, Gabriele Scheidt (beide Buch) und Marcus O. Rosenmüller (Regie) als Ordensschwester und als Vertraute von Papst Pius XII. Wirkung. Maria Furtwängler sieht im ebenfalls zweiteiligen Historienfilm „Schicksalsjahre“ (ZDF, 13./14.2.) von Thomas Kirchner (Buch) und Miguel Alexandre (Regie) noch in der misslichsten Lage blendend aus. Ein eher unbekanntes Gesicht stand in „Die Hebamme – Auf Leben und Tod“ (ZDF, 9.5.) von Peter Probst (Buch) und Dagmar Hirtz (Regie) im Mittelpunkt: Brigitte Hobmeier. Gemeinsam ist diesen großen historischen Frauenfilmen, dass sie im Zeichen der jeweiligen filmischen Gegenwart Schwierigkeiten bekommen. Hier verlieren sie an Genauigkeit, werden plakativ oder übertreiben.
Ähnliches gilt auch für die beiden Biopics des Jahres. „Der Mann mit dem Fagott“ (ARD/Degeto/ORF, 29./30.9.) von Harald Göckeritz (Buch) und Miguel Alexandre (Regie) bebildert das Leben von Udo Jürgens vor seiner großen Karriere (vielleicht droht ja hier noch ein Nachfolgeepos) und „Beate Uhse – Das Recht auf Liebe“ (ZDF, 9.10.) veranschaulicht mehr müde als enthusiastisch die Lebensgeschichte ihrer Protagonistin. Auch die großen Action-Produktionen des Jahres mit „Hindenburg“ (RTL, 6./7.2.) von Johannes W. Betz, Martin Pristl (beide Buch) und Philipp Kadelbach (Regie) sowie „Laconia“ (ARD/SWR/Degeto/BBC, 2./3.11.) von Alan Bleasdale (Buch) und Uwe Janson (Regie) gerieten immer wieder in Gefahr, zu illustrativ oder symbolisch zu werden oder einfach nur das investierte Kapital der Spezialeffekte auszukosten.
Je zweimal stand die Geschichte der DDR und die der RAF im Mittelpunkt: Verglichen mit „Amigo – Bei Ankunft Tod“ (Arte, 11.3.; ZDF, 10.10.) von Lars Becker (Buch/Regie), wo Tobias Moretti einen Ex-Terroristen aus dem Bilderbuch gibt, war „In den besten Jahren“ (ARD/WDR, 14.12.) von Hartmut Schoen (Buch/Regie) von wohltuender Zurückhaltung; Senta Berger verleiht hier der Geschichte über die Ehefrau eines Polizisten, der einst von der RAF umgebracht wurde, auf der Suche nach dem mit Hilfe der Kronzeugenregelung abgetauchten Täter eine nachdrückliche Würde. Sowohl in „Der Mauerschütze“ (Arte, 29.7.; ARD/NDR, 3.8.) von Hermann Kirchmann, Scarlett Kleint, Alfred Roesler-Kleint (alle Buch) und Jan Ruzicka (Regie) als auch in „Es ist nicht vorbei“ (ARD/SWR/RBB, 9.11.) von Kristin Derfler, Clemens Murath (beide Buch) und Franziska Meletzky (Regie) sind die einstigen DDR-Täter heute wohlrespektierte Ärzte, die sich nun ihrer Vergangenheit stellen müssen. Bleibt zu hoffen, dass dies nicht bei den Zuschauern einen grundsätzlichen Zweifel am Berufsstand der Ärzte provozierte.
Im ZDF gab es auf dem Montagtermin um 20.15 Uhr („Fernsehfilm der Woche“) auch 2011 wieder jede Menge an touristischen Krimis zu bewundern. Keine landschaftliche Attraktion in Deutschland, die sich nicht als Krimi-Kulisse eignet. Ob nun im Spreewald, in den Alpen, an der Ostseeküste oder auf Sylt - eine Leiche schmückt immer gerne die Landschaftstotale. Zum Glück erschöpft sich das ZDF-Angebot nicht darin. Ansehnlich war beispielsweise der Wirtschaftskrimi „Ein mörderisches Geschäft“ (12.9.) von Sönke Lars Neuwöhner (Buch) und Martin Eigler (Regie), in dem Devid Striesow und Christiane Paul als Betriebsprüfer einen Subventionsschwindel aufdecken. Nicht ganz so stark die Geschichte um einen sexuellen Missbrauch, die in „Das dunkle Nest“ (28.11.) von Andreas Dirr (Buch) und Christine Hartmann (Regie) erzählt wird, aber eben auch nicht misslungen. Und in manchen Phasen machte die Farce „Das große Comeback“ (13.10.) von Mark Werner (Buch) und Tomy Wigand (Regie) richtig Spaß, in der es darum ging, wie ein abgehalfterter Schlagersänger (Uwe Ochsenknecht) von einer abgehalfterten Fernsehtante (Andrea Sawatzki) medial noch einmal richtig ausgenommen werden soll.
Was man dem Krimi-Genre abgewinnen kann, stellte das Projekt Dreileben unter Beweis, das die ARD am 29. August ausstrahlte. Es handelt sich um drei lose miteinander verbundene Filme, die an einem Abend von 20.15 bis 1.00 Uhr hintereinander gesendet wurden: „Etwas Besseres als den Tod“ (BR) von Christian Petzold (Buch/Regie), „Komm mir nicht nach“ (Degeto) von Markus Busch (Buch) und Dominik Graf (Buch/Regie), „Eine Minute Dunkel“ (WDR) von Peer Klehmet (Buch) und Christoph Hochhäusler (Buch/Regie). Die Filme verbindet als Ausgangs- wie als Fluchtpunkt die Geschichte eines verurteilten Sexualstraftäters, der in ein Provinznest entfliehen kann und dort nun von der Polizei gesucht wird. Petzold, der eine von Beginn an zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte in den Mittelpunkt rückt, und Graf, der von einer im Gespräch unter Freundinnen stattfindenden Rekonstruktion von biografischen Wendepunkten erzählt, benutzen die Fluchtgeschichte nur als Hintergrund. Hochhäusler wiederum rückt sie ins Zentrum. Gemeinsam ist den Filmen das Trennende, nämlich die unterschiedlichen Regie-Handschriften und die Intensität, mit der jedes sorgfältig kadrierte Filmbild aufgeladen ist. In der Summe der drei Filme: eines der Fernsehereignisse des Jahres!

Fukushima
Die Trias des Schreckens aus Erdbeben, Tsunami und atomarem GAU, die am 11. März Japan heimsuchte, erzeugte höchst unterschiedliche Bilder. Zeigte sich das Beben nur in den kurzen Momentaufnahmen von durch die Luft fliegenden Gegenständen aus dem Innern von Gebäuden, die sich weit weg vom Zentrum der Erdstöße befanden, so war von dem, was im Atomkraftwerk von Fukushima geschah, lange Zeit nichts anderes zu sehen als Bilder, die mittels starker Teleobjektive die Gebäude der Nuklearanlage aus großer Entfernung zeigten. Selbst die verheerende Explosion von Block 3 des Atomkraftwerks wirkte aus dieser Entfernung eher harmlos, und die Bilder verrieten nichts von den enormen Mengen an Radioaktivität, die dadurch freigesetzt wurden. Es blieben die Aufnahmen von der Flutwelle, die beispielhaft in der Küstenstadt Miyako aufgenommen wurden und fast überall zu sehen waren. Hier standen Fotografen und Kamerateams auf einem Gebäude, das nur von einer Straße getrennt am Fluss lag, der wenig entfernt in den Pazifik mündet. Nun drückt eine schwarze Flut von Meeresseite in den Fluss hinein und schwappt in einer Riesenwelle über das Ufer, reißt Autos mit sich, als seien es Spielzeugmodelle, zerquetscht große Schiffe an der nahegelegenen Brücke und wälzt sich mehrere Meter hoch ins Landesinnere.

5. Serien und Reihen
Personalwechsel im „Tatort“ des Hessischen Rundfunks: Nina Kunzendorf und Joachim Król bilden das neue Duo und nahmen ihre Arbeit in den beiden von Lars Kraume geschriebenen und inszenierten Episoden „Eine bessere Welt“ (ARD/HR, 8.5.) und „Der Tote im Nachtzug“ (ARD/HR, 20.11.) auf. Dass sie 2011 gleich mit zwei relativ nah beieinander liegenden Folgen starteten, gab den beiden Schauspielern eine enorme Sicherheit, die Eigenheiten ihrer Figuren zu entwickeln. Die Figur der Nina Kunzendorf agiert offensiv und setzt ihre Erotik ein, um die männliche Polizeikonkurrenz wie auch mutmaßliche Täter zu beeindrucken, während Króls Kommissar ein in sich verschlossener, an der Welt verzweifelnder Ermittler ist. Das passt gut zusammen und sorgt zugleich für die notwendigen Spannungen im Team. In der Startfolge war die Rolle des Täters im Übrigen mit Justus von Dohnányi besetzt, einem der seit Jahren besten deutschen Darsteller.
Dohnányi arbeitet auch als Regisseur und er inszenierte mit „Das Dorf“ (ARD/HR, 4.12.) nach einem Buch von Daniel Nocke und mit Hauptdarsteller Ulrich Tukur (als weiterem Ermittler des HR) den bizarrsten „Tatort“ des Jahres. Eine wilde Mischung aus alten Edgar-Wallace-Filmen, Kafka-Motiven und Slapstick- wie Traumeinlagen – nicht ernst zu nehmen, aber sehr unterhaltsam. Erfolgreichster „Tatort“ war die Münsteraner Folge „Herrenabend“ (ARD/WDR, 1.5.), die 11,86 Millionen Zuschauer sahen (Marktanteil: 33,0 Prozent). Nun ist der auf Komik dressierte Münster-„Tatort“ mit dem Duo Axel Prahl und Jan Josef Liefers stets erfolgreich, auch dann, wenn die Krimi-Handlung hinkt und die erzählerische Logik notfalls für jede Pointe verraten wird. Diese Folge von Magnus Vattrodt (Buch) und Matthias Tiefenbacher (Regie) aber war witzig und zugleich in sich stimmig. Kompliment.
Personalwechsel auch im „Polizeiruf 110“ des Bayerischen Rundfunks: Hier wurde in der Folge „Cassandras Warnung“ (ARD/BR, 21.8.) von Günter Schütter (Buch) und Dominik Graf (Regie) Matthias Brandt als neuer Kommissar nicht nur in seinen neuen Arbeitsplatz eingeführt, sondern ihm wurde als Ortsfremdem gleich auch die Stadt München mit all ihren merkwürdigen Seiten vorgeführt. (Die entsprechenden Passagen erinnerten sehr an den Film „München – Geheimnisse einer Stadt“, den Graf im Jahr 2000 zusammen mit dem in diesem Jahr verstorbenen Filmkritiker Michael Althen gedreht hatte.) Am Ende tanzte Brandt allein in jenem Döner-Imbiss, in dem sich die Kollegen allabendlich treffen.
Obgleich filmisch schwächer als diese Startfolge des neuen Münchner „Polizeirufs“, sorgte die zweite mit dem Titel „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ (ARD/BR, 23.9.) für mehr Furore. Sie wurde vom klassischen Sonntagabendtermin um Viertel nach acht auf Freitag, 22.00 Uhr, verpflanzt. Begründet wurde diese vom BR initiierte Verlegung mit Jugendschutzerwägungen. Gewichtiger war aber vermutlich, dass in dieser Geschichte um einen Attentatsversuch auf dem Gelände um die Münchner Fußballarena der Staatsschutz und das Innenministerium nicht gut wegkamen (Buch: Christian Jeltsch, Regie: Hans Steinbichler). Und diese sarkastische Kritik wollte man eben nicht so vielen Menschen zumuten. Was auch gelang, denn auf dem späten Freitagtermin sahen nur 2,75 Millionen Zuschauer die Folge statt der sonst üblichen 7 bis 8 Millionen bei Sonntagsaustrahlungen.
Auch von anderen Reihen gab es ungewöhnliche Fortsetzungen: Beispielsweise die Folge „Die elegante Lösung“ (Arte/ZDF 4.11.) von „Unter Verdacht“, in der Senta Berger in Italien ermitteln muss und dort mit dem Elend der Flüchtlinge aus Afrika konfrontiert wird. Der ambitionierte Film von Don Schubert, Martin Muser (beide Buch) und Aelrun Goette (Regie) stieß dabei an die Grenzen des Genres und dieses Reihenformats. Dem Elend gegenüber konnte sich die von Senta Berger gespielte Figur der Münchner Kriminalrätin kaum anders verhalten, als eine betroffene Miene zu zeigen.
Hannelore Hoger ermittelte in der „Bella-Block“-Folge „Stich ins Herz“ (ZDF, 26.11.) von Stephan Wagner (Buch/Regie) erneut weiter, obgleich ihre Kommissarin nun seit einiger Zeit eigentlich pensioniert ist. Und auch von „Schimanski“ gab’s mit der Episode „Schuld und Sühne“ (ARD/WDR, 30.1.) von Jürgen Werner (Buch) und Thomas Jauch (Regie) eine Fortsetzung, in der Götz George demonstrierte, dass Alter nicht vor Ermittlungspflichten schützt. Vielleicht stehen ja die beiden Figuren Bella Block und Schimanski als Sinnbilder für das Hinausschieben des Rentenalters, das bald alle Bundesbürger ereilt.
Noch kann man den Versuch der ARD, das Vorabendprogramm mit heiteren Krimi-Serien unter dem Label „Heiter bis tödlich“ aufzupolieren, nicht endgültig beurteilen. Die Einschaltquoten des ja bewusst auf Erfolg produzierten Serienangebots mit „Nordisch herb“ (NDR, ab 25.10.), „Hubert und Staller“ (BR/MDR, ab 2.11.) sowie „Henker und Richter“ (WDR, ab 10.11.) sind noch sehr schwach. Was nicht unbedingt an den einzelnen Serien liegen muss, die eher betulich als pointiert erzählt sind, sondern seine Ursache auch darin haben kann, dass die entsprechenden Sendeplätze im Ersten in den vergangenen Jahren systematisch heruntergewirtschaftet wurden. Es wird mindestens ein Jahr dauern, ehe sich das Publikum an die neue Programmfarbe gewöhnt hat. Bleibt die Frage, ob die ARD sie den Serien gibt?
Das ZDF hatte das Jahr auf dem Sendeplatz am späten Sonntagabend (22.00 Uhr), auf dem ausländische Kauf- und Koproduktionen laufen, mit einem Paukenschlag eröffnet. Es zeigte das vom Sender mitfinanzierte sechsteilige „Millennium“-Epos, das nach den drei Krimi-Bestsellern von Stieg Larsson inszeniert wurde. In einer um die Hälfte gekürzten Fassung waren die Filme auch erfolgreich im Kino gelaufen. In der Fernsehversion erhielten vor allem die Nebenfiguren mehr Zeit und es erschienen auch die verflochtenen Handlungsstränge plausibler, ohne dass der Mehrteiler an Spannung einbüßte. Die ARD übernahm ebenfalls einen ausländischen Luxuskrimi: Die dreiteilige BBC-Reihe „Sherlock“ verpflanzte den von Arthur Conan Doyle am Ende des 19. Jahrhunderts erfundenen Detektiv in die Gegenwart Londons. Hervorragend besetzt, schnell und witzig inszeniert, mit raffinierten Wendungen und manchen Verweisen auf die Romane von Doyle.
Von ähnlicher Qualität war unter den neuen, länger laufenden Serien und Reihen nur eine: „Boardwalk Empire“ (hierzulande auf TNT Serie zu sehen). Die US-Produktion, deren Startfolge Martin Scorsese inszenierte, erzählt vom Aufstieg der Gangster in den USA der frühen 1920er Jahre, von den Verflechtungen zwischen Verbrechen, Politik und Gesellschaft und von den Familien, die in sie einbezogen sind. Im Mittelpunkt steht der von Steve Buscemi gespielte Gangsterboss Enoch „Nucky“ Thompson. Der im Auftrag von HBO produzierten Serie sieht man die Investitionen von 5 Millionen Dollar pro Folge an, auch wenn die digitale Kulissenwelt nicht bis ins Detail überzeugen konnte.
Fortgesetzt wurden die US-Serien „Mad Men“ (bei Fox und bei ZDFneo), die in der dritten und vierten Staffel an Elan verlor, und „Breaking Bad“ (AXN, Arte), die weiterhin ungewohnte Einblicke in das Provinzleben in New Mexico und die Drogenökonomie eröffnet. Für all diese Serien gilt allerdings, dass sie höchst chaotisch programmiert wurden. Vor allem Kanäle wie Fox, AXN und TNT Serie wechseln die Sendeplätze, die Abfolgen und die Wiederholungsraten vollkommen willkürlich. Kaum hat man sich an etwas gewöhnt, ist es schon wieder anders. Ähnlich ging auch Arte vor, als man die dritte Staffel von „Breaking Bad“ nicht mehr wie die ersten beiden samstags, sondern am späten Dienstagabend ausstrahlte. Ein US-Einkauf war auch die 19-teilige Serie „Die Borgias – Sex. Macht. Mord. Amen.“, die ProSieben ab dem 9. November zeigte. Ihr wäre sicher mehr Aufmerksamkeit zuteil geworden, hätte nicht das ZDF kurz zuvor ab dem 17. Oktober den von dem Sender mitproduzierten internationalen Sechsteiler „Borgia“ ausgestrahlt. So viel Borgia war noch nie im deutschen Fernsehen.
Bei den privaten Sendern ist die Prolongation von „Danni Lowinski“ (Sat.1, ab 14.3.) zu loben. Annette Frier als Anwältin der kleinen Leute kann den eher konventionellen Geschichten immer wieder eigene Pointen abgewinnen. ProSieben setzte ab dem 8. November „Stromberg“ mit der fünften und letzten Staffel fort, in der die von Christoph Maria Herbst mit gewaltigem Einsatz von Grimassen gespielte Hauptfigur wieder aus der Provinz in die Zentrale seiner Versicherung zurückgekehrt ist. Bei RTL war nichts Berichtenswertes zu sehen, es sei denn, man verstünde die Boxkämpfe der Klitschkos als Serie eigener Art.

Obama gegen Osama
Dieses Foto sollte mindestens zwei Videoaufnahmen ersetzen. Von der Szene selbst, von der das Foto nur diesen bewusst ausgesuchten Moment festhält. Und von der anderen Szene, die Gegenstand der Betrachtung in diesem Foto ist. Aufgenommen wurde das Bild am 1. Mai in Washington; in Deutschland war es dann am nächsten Tag zu sehen. Die offizielle Aufnahme zeigt 13 Personen, die, mit einer Ausnahme, auf einen Gegenstand außerhalb des linken Bildrandes schauen. Es handele sich, besagt die Bildlegende, um die Mitglieder des „National Security Teams“ von US-Präsident Barack Obama, der am linken Bildrand neben seinem Stellvertreter Joe Biden am Tisch sitzt. Die Gesichter der Männer und der zwei Frauen sind gespannt. Außenministerin Hillary Clinton hält sich die rechte Hand vor den Mund. Die meisten Männer haben die Arme vor der Brust verschränkt, während der Präsident sich gespannt vorbeugt. Das in seiner Tiefenstaffelung wie ein Stillleben komponierte Bild wurde als Aufnahme jenes Augenblicks gedeutet, in der Obama und sein Team per Live-Schaltung der Tötung von Osama Bin Laden zuschauten. Doch das war ein Irrtum. Wie sich später herausstellte, war der Satellitenkontakt von Washington zur Einheit der US Navy Seals, die in das Haus im pakistanischen Abbottabad eindrangen und Bin Laden dort töteten, bei der entscheidenden Aktion für fünf Minuten unterbrochen.

6. Dokumentarisches
Man könnte an dieser Stelle, wie in den vergangenen Jahren, erneut beklagen, dass im privaten Fernsehen der Begriff des Dokumentarischen durch auf Effekt getrimmte Alltagsdokumentationen, durch Produktionen mit nachgestellten oder komplett inszenierten Szenen und durch von Laien gespielte Serien systematisch ausgehöhlt und thematisch auf das gesellschaftlich Deviante, auf das Schrille und das sozial Extreme reduziert wird. Man könnte einmal mehr darauf hinweisen, dass die salvierenden Hinweise, die am Ende jener Serienfolgen kurz eingeblendet werden, dass nämlich Figuren und Handlungen erfunden seien, die Zuschauer nicht erreichen. Man könnte all das zu Recht als Teil eines „Lügenfernsehens“ bezeichnen, wie es eine vom NDR produzierte ARD-Dokumentation tat („Das Lügenfernsehen: Wie kommerzielle Sender ihre Zuschauer in die Irre führen“, 7.7.) – wenn diese Kritik die Kritisierten denn auch erreichte. Doch die Verantwortlichen von RTL, Sat.1, Vox oder RTL II werden erst dann reagieren, wenn die Zuschauer an der Zurschaustellung von heiratswilligen Agrarproduzenten, vermüllten Wohnungen und zerstörten Familien ihr Interesse verloren haben, weil es sie nur noch ermüdet.
Es soll hier auch nicht die mehrfach geäußerte Klage zum Umgang mit den dokumentarischen Filmformen bei ARD und ZDF beklagt oder die Angst um drohende Sendeplatzverluste solcher Filme bei 3sat und Arte geäußert werden. Die Verantwortlichen der öffentlich-rechtlichen Sender erreicht ein solches Lamento nicht mehr; sie irritiert ja noch nicht einmal, dass die einst als sperrig verschrienen Dokumentarfilme im Rückblick erfolgreicher waren als all die auf Hochglanz gestriegelten Luxusfilmchen über Stars, Prominente, Industrielle und Künstler. In ihrem starren Blick auf die aktuellen Quoten verschwindet all das, was gestern war, was Programmgeschichte ausmacht, ja, was der öffentlich-rechtliche Auftrag meint. Ein solche Klage kann sie also nicht erreichen, deshalb erspart man sie sich lieber.
Stattdessen sei lieber an ausgewählten Beispielen erläutert, was im Jahr 2011 formal sehr unterschiedliche Dokumentarfilme im Sinne einer gesellschaftlichen Selbstaufklärung vermochten. Beispielsweise bezüglich der Entscheidungsprozesse im Bereich des Politischen, wie sie die Langzeitbeobachtung „Sozialdemokraten – Achtzehn Monate unter Genossen“ von Lutz Hachmeister veranschaulichte (ARD/WDR/SWR/RBB, 26.7.). Der Film war, auch wenn man ihm einen gewissen Mangel an erzählerischer Konsequenz und einen nicht uneitlen Stolz auf die Nähe zu den führenden Politikern der SPD vorwerfen kann, durch seinen Sinn für das Detail von Parteitagschoreografien, für die scheinbar randständigen Momente einer sozialdemokratischen Selbstfeier und für Filmbilder, in denen die Zuschauer selbst den Widerspruch zwischen Rhetorik und Verhalten entdecken konnten, so etwas wie eine politische Lehrstunde.
Den Hintergrund vieler Nachrichtenbilder leuchtete eine andere Langzeitbeobachtung aus: „Alarm am Hauptbahnhof“ von Wiltrud Baier und Sigrun Köhler (ARD/SWR, 24.8.) versammelte Aufnahmen von den Auseinandersetzungen, den Demonstrationen und dem politischen Streit um den Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs, die vieles von den Emotionen der schwäbischen „Wutbürger“ verständlich erschienen ließen und die, aus der Ferne betrachtet, mitunter Züge des Absonderlichen hatten. Eine schon länger zurückliegende Nachricht, nämlich die über den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule, wurde gleich in zwei Filmen aufgefächert, die nicht unterschiedlicher zu denken sind. „Und wir sind nicht die Einzigen“ von Christoph Röhl (3sat/ZDF, 24.5.) rekonstruiert die Geschichte der Übergriffe in Aussagen einer Reihe von männlichen Opfern und von einigen wenigen Zeugen. Es entsteht das Bild eines unfassbaren Martyriums, das in diesem vermeintlichen Hort liberaler Pädagogik stattfand. Wie das möglich wurde, warum das Schweigen über die ersten Veröffentlichungen Ende der 1990er Jahre hinaus anhielt, wieso der Nimbus der Schule vielen wichtiger schien als die Aufklärung über die Vorgänge, verstand man wiederum, wenn man den Film „Geschlossene Gesellschaft – Der Missbrauch an der Odenwaldschule“ von Luzia Schmid und Regina Schilling sah (ARD/SWR/HR, 9.8.), der heterogener ausfiel, mit Archivmaterial arbeitete und auch die Täter zeigte.
Der Film „Wadim“ von Carsten Rau und Hauke Wendler (NDR Fernsehen, 13.12.) rekonstruiert wiederum das Schicksal eines jungen russischen, aus Lettland stammenden Asylbewerbers, der zwischen den Ländern gleichsam aufgerieben wird und der am Ende keinen anderen Ausweg als den Suizid weiß. Die Biografie dieses Einzelfalls weitet sich zur Bestandsaufnahme einer gesellschaftlichen Regel aus, die, koste es, was es wolle, durchgefochten wird. Eyal Sivan wiederum entfaltet in „Jaffa – Im Namen der Orange“ (WDR Fernsehen, 16.6.) an dem scheinbar randständigen Thema so etwas wie eine historische Lehrstunde zur Genese des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern. Sivans Film lebt von den „Wochenschau“-Szenen, den Fotos und den Zeichnungen, die er in den Archiven fand und die er seinen Zeitzeugen wie seinen Fachleuten (Historiker, Kunstgeschichtler) vorführte. Fosco und Donatello Dubini nehmen in „Die große Erbschaft“ (WDR Fernsehen, 18.8.) die Geschichte des Hauses ihrer Familie im Tessin zum Ausgangspunkt einer Reflexion von Allgemeingeschichte, von Erinnerung und Vergessen. Ihr Film wurde wenige Monate nach dem Tod von Donatello Dubini ausgestrahlt.
Noch zwei weitere Beispiele: Gleich in vier filmisch sehr unterschiedlichen Filmen unter der Überschrift „Bodybits – Analoge Körper in digitalen Zeiten“ untersuchte das „Kleine Fernsehspiel“ (ZDF, ab 9.5.) in verdienstvoller Weise die Veränderungen, die durch die neuen Medienverhältnisse generiert werden. Und der Zweiteiler „Das automatische Gehirn“ von Francesca D’Amicis, Petra Höfer und Freddie Röckenhaus (Arte/WDR, 9./16.12.) ist eine Reise durch die Erkenntnisse moderner Gehirnforschung, für die das Regie-Trio ungewöhnliche Bilder fand – von den Beobachtungen eines Zauberkünstlers über aufwendige Computer-Animationen bis zu Spielszenen. Wissensvermittlung, die ebenso sinnfällig wie pointiert abläuft und die zugleich den Zuschauer selbst fordert, genau hinzuschauen und das Wahrgenommene zu hinterfragen.
Nicht all diese Filme liefen an den Randzonen des Programms, davor schützte die SPD-Politiker des Hachmeister-Films beispielsweise die Sommerpause der Talkmoderatoren. Es müssen also die Plauderer schweigen, soll so etwas wie eine filmische Aufklärung im öffentlich-rechtlichen Hauptprogramm stattfinden.

Utøya
Auf dem Hubschrauberbild sind Zelte zu sehen, die auf den Lichtungen der bewaldeten Insel aufgeschlagen sind. Die wenigen Häuser der kleinen Insel stehen direkt am Ufer. Auch wenn der Hubschrauber mehrfach die Insel umrundet und die Kamera vor- und zurückzoomt – Menschen kommen nicht ins Bild. Erst auf dem Wasser sind Körper zu erkennen, die an der Oberfläche zu schwimmen scheinen. Es hätte ein idyllisches Bild sein können, das da am 22. Juli gegen 21.00 Uhr auf dem englischen Sender Sky News zu sehen ist, wenn nicht der Ton gewesen wäre, der berichtet, dass ein als Polizist verkleideter Attentäter auf der norwegischen Fjordinsel Utøya auf Jugendliche geschossen und vermutlich acht von ihnen getötet hätte. (Am Ende werden 69 Tote gezählt.) Der Kommentar berichtet, dass der Mann auch auf die geschossen habe, die ins Wasser geflohen waren, so dass die Körper, die man im Hubschrauberbild sah, auch Leichen gewesen sein könnten. Es war die Tat eines rechtsradikalen Norwegers, der zuvor bereits in Oslo eine gewaltige Bombe gezündet hatte. Das hatten sich die Terrorismusexperten von ARD und ZDF nicht vorstellen können. Sie schwadronieren in den aktuellen Ausgaben von „heute“ um 19.00 Uhr und der „Tagesschau“ um 20.00 Uhr von „islamistischen Terroristen“ oder „islamistischem Hintergrund“. Purer Reflex bar jeder Reflexion.

7. Unterhaltung
Ein Kommen und Gehen kennzeichnete im Jahr 2011 das Unterhaltungsangebot des deutschen Fernsehens. Ihre vergeblichen Bemühungen um ein ihnen genehmes Publikum stellten beim Privatsender Sat.1 die beiden Herren Oliver Pocher und Johannes B. Kerner ein. „Die Oliver-Pocher-Show“ endete am 11. März und mit „Kerner“ war’s am 15. Dezember vorbei. Während Pocher dann diversifizierte und bei Sky nun alle zwei Wochen eine Fußballsendung moderiert und er zudem bei RTL auf eine neue Show hoffen darf, spekuliert Kerner vielleicht darauf, dass er Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass ..?“ (ZDF) beerben darf.
Gottschalk, der die von Frank Elstner erfundene größte und erfolgreichste deutsche Fernsehshow (mit einer Unterbrechung) seit 1987 moderierte, hatte in der Ausgabe vom 12. Februar seinen Abschied zum Ende des Jahres angekündigt. Er begründete dies mit einem Hinweis auf den schweren Unfall eines Wettkandidaten im Dezember 2010. Das ZDF ließ sich Zeit mit der Frage, wer Nachfolger des blondondulierten „Wetten, das..?“-Moderators werden soll. Man dachte wohl, dass man bis zu den letzten drei Sendungen mit Gottschalk im Spätherbst, die als Abschieds- und Rückblickveranstaltungen konzipiert wurden, jemanden gefunden hätte. Lange Zeit schien die Sache auf Hape Kerkeling hinauszulaufen, der dann aber in der Show vom 5. November im Gespräch mit Thomas Gottschalk auf dessen entsprechende Frage definitiv absagte: „Nein, ich möchte nicht. Das ist die kurze Antwort. Und die etwas längere Antwort ist: Nein, ich werde es nicht machen.“ Erneut ging daraufhin das Kandidatenkarussell los, von dem viele früh absprangen, selbst solche, die nie infrage gekommen wären. Nun scheint fast nur Johannes B. Kerner übrig geblieben zu sein, der ja lange für das ZDF arbeitete.
Gottschalk selbst verblüffte die Medienwelt, als er am 15. Juli ankündigte, er werde das ZDF verlassen und im neuen Jahr für die ARD arbeiten. Im Ersten wird der Moderator ab dem 23. Januar 2012 viermal in der Woche eine Sendung am Vorabend präsentieren, in der es um Themen des Tages aus den Bereichen „Lifestyle, Entertainment und Kultur“ gehen soll. Ob Thomas Gottschalk auf diesem Sendeplatz, der auf die „Tagesschau“ um 20.00 Uhr aufläuft, glücklich werden wird? Nichts ist umkämpfter als diese Sendezeit, nichts herabgewirtschafteter im Ersten als dieser Sendeplatz.
Hape Kerkeling fiel der Verzicht auf „Wetten, dass ..?“ vor allem auch deshalb leicht, weil er auf sehr unterschiedlichen Feldern unterwegs ist – als Autor von Romanen und Fernsehfilmen, als Comedian mit Gastauftritten, als Entertainer und als Moderator etwa der „Goldenen Kamera“ oder des Jahresrückblicks (beides im ZDF). Für das ZDF agierte er auch in sechs Folgen von „Terra X“ unter der Überschrift „Unterwegs in der Weltgeschichte – mit Hape Kerkeling“, wobei er hier die unterschiedlichsten historischen Figuren spielte. Was ältere Zuschauer an die Einspielfilme der einstigen ARD-Show „Einer wird gewinnen“ (HR) erinnerte, in denen sich Moderator Hans-Joachim Kulenkampff in ähnlich historischen Szenen versucht hatte. Als großes Welttheater wiederum feierten die Yellow Press und fast alle deutschen Fernsehanstalten die Hochzeit des englischen Prinzen William mit seiner Kate (29.4.). Hochzeiten des europäischen Adels sind der Klassiker des Live-Fernsehens.
Als Ersatz für die abendlichen Shows von Pocher und Kerner engagierte Sat.1 Harald Schmidt, der so mit seiner Late Night Show wieder zu dem Privatsender zurückkehrte, von dem er einst zur ARD gegangen war. Waren die letzten Ausgaben im Ersten eher müde ausgefallen, schien der Salto rückwärts ins kommerzielle Geschäft Schmidt gutgetan zu haben. In der zunächst zweimal in der Woche ausgestrahlten Show (dienstags und mittwochs um 23.15 Uhr) wirkte der Altmeister des Schmähs revitalisiert.
Zu den Senderwechslern gehörte auch Frank-Markus Barwasser, den vermutlich kaum ein Mensch unter diesem Namen kennt, der aber mit seiner Kunstfigur Pelzig erst im Dritten Programm Bayerisches Fernsehen und später auch im Ersten (allerdings spät abends) erfolgreich die zwischen Kabarett, Klamauk und Talk changierende Show „Aufgemerkt! Pelzig unterhält sich“ präsentierte. Das ZDF warb ihn zunächst als Sidekick für Urban Priol in „Neues aus der Anstalt“ ab und richtete ihm dann einen eigenen Sendeplatz ein (dienstagabends), auf dem er nun seine alte Show unter dem neuen Titel „Pelzig hält sich“ anbietet.
Katrin Bauerfeind wechselte nicht, bleibt weiterhin der nach ihr benannten Sendung auf 3sat treu, hat aber davon für den am 7. Mai gestarteten neuen Digitalkanal ZDFkultur eine Art Spin-off entwickelt. In „Bauerfeind 28:30“ zeigt sie jene Gespräche in Gänze, von denen sie in ihrer angestammten Sendung nur die für Magazine typischen Ausschnitte präsentiert. Geschickte Zweitverwertung. Recycelt wurde hingegen die legendäre Wochenshow von Sat.1 (ab 20.5.), doch von der alten Besatzung wurde nur der damals schon schwächste Mann, Moderator Ingolf Lück, engagiert. Die Neuen taten sich sichtlich mit den schwachen Texten schwer, zu denen Witze gehörten wie der, der neue FDP-Vorsitzende Philipp Rösler sei „der Vietcong der guten Laune“ und biete „acht Köstlichkeiten in einer Person“. Auch wenn die „heute-show“ des ZDF phasenweise schwächelte, wirkte diese Satire-Sendung selbst in ihren weniger guten Momenten stärker als das, was die Konkurrenz bot. Weiterhin ein Pflichttermin im Fernsehwochenkalender!
Zu den Shooting-Stars des Jahres entwickelten sich Joachim Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die einst bei MTV ein eigenes Sendeformat hatten. Bei ProSieben moderierten die beiden, die sich kurz Joko & Klaas nennen, ab dem 11. Juni die Spieleshow „17 Meter“ und auf ZDFneo die Show-Wundertüte „neoParadise“. Sie geben sich frech und es gelingt ihnen mitunter auch ein schneller Wortwitz, aber als Duo wirken sie auf Dauer überanstrengt, grölend laut und präpotent, fast so als hätte man die Gene von Pocher und Kerner gemischt und auf zwei unterschiedliche Physiognomien verteilt.
ProSieben hielt sich ansonsten in der Formatentwicklung zurück und konnte somit leicht von RTL 2 übertrumpft werden. Der Billigsender verbrach im Jahr 2011 folgende neue Shows: „Bingo! Bingo! Die größte Gewinnshow Deutschlands“ (ab 8.5.), „My Name Is“ (ab 15.6.), „Ich weiß, was du letzten Freitag getan hast“ (ab 18.7.) und „Beat the Blondes“ (ab 15.8.) – und vermutlich sind das noch nicht einmal alle Katastrophen gewesen, zu denen dieser Sender immer wieder fähig ist.
Sat.1 ließ den armen Jürgen von der Lippe in der Show „Ich liebe Deutschland“ (ab 15.7.) mit seinen berauschten Zuschauern grölen und Oliver Geissen musste für RTL folgenden Sendetitel unfallfrei buchstabieren: „Es kann nur E1NEN geben“ (ab 15.7.). In diesem Zusammenhang sei bemerkt: Den Duden kann man beim Abtippen von Unterhaltungstiteln schon seit Jahren vergessen; wenigstens im Umgang mit der deutschen Sprache zeigen Produzenten und Redakteure eine ansonsten schmerzlich vermisste Kreativität. Ungewöhnlich, wenngleich für den deutschen Markt nicht zu Ende entwickelt, wirkte die RTL-Spielshow „Cube – Besiege den Würfel“ (29.4. und 10.6.), in der die Kandidaten unter großem Zeitdruck in einem Würfel, dessen Flächen elektronisch mit Bildern gefüllt werden können, Geschicklichkeitsaufgaben lösen müssen. Dabei gelang es Moderatorin Nazan Eckes mit ihren Sprachfloskeln überhaupt nicht, Kontakt zu den Teilnehmern herzustellen.
Bei den Castingshows tat sich einiges. „The Voice of Germany“ (ProSieben/Sat.1, ab 24.11.) ging verglichen mit „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL), weiterhin geleitet von der Nervensäge Dieter Bohlen, freundlich und pflegeleicht mit den Sangeskandidaten um und schien sogar Interesse an deren musikalischen Darbietungen zu haben. Ähnliches bewies auch die zweite Staffel von „X Factor“ (Vox, ab 30.8.) mit den Juroren Sarah Connor, Till Brönner und dem Rapper Das Bo.
Außergewöhnlich hingegen das Casting bei „Unser Song für Deutschland“ (ARD/ProSieben), wo nach einem Lied gesucht wurde, das die als Sängerin feststehende Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf als Titelverteidigerin präsentieren sollte. Mit dem Lied „Taken by a Stranger“, das bei der Zuschauerabstimmung gewann, erreichte Lena dann am 14. Juli im Finale des weltweit übertragenen Musikwettbewerbs der europäischen Rundfunkunion EBU den 10. Platz. Zuvor hatte die Sängerin allerdings manches Interview über sich ergehen lassen müssen. Denn ARD und ProSieben nutzten die Tage vor dem Eurovision Song Contest aus, um in ihren Programmen für das Großereignis zu werben. So ließ die ARD beispielsweise einen vollkommen uninspirierten, heillos desinformierten und zudem schnarchlangweiligen Frank Elstner auf die Sängerin los, die auf dessen dumme Fragen nur schnippische Antworten gab.
Die Finalshow selbst war eines der Fernsehereignisse des Jahres, was selbstverständlich nicht an der Musik lag, sondern an der Bühnenshow, die noch aus den schwächsten Songs visuelle Highlights zauberte. Sensationell im Wortsinne das Intro der Veranstaltung, bei dem Stefan Raab „Satellite“, Lenas Siegertitel des Vorjahres, präsentierte – zuerst mit Anke Engelke und dann mit einer kleinen Band, ehe eine komplette Big-Band hinzukam, die schließlich noch von 42 Sängerinnen im Lena-Look ergänzt wurde, unter die sich am Ende die reale Lena schmuggelte, um ebenfalls mitzusingen. Professioneller, schneller, musikalisch ausgefeilter als dieser sechsminütige Opening Act beim Eurovision Song Contest dürfte im Fernsehjahr 2011 nichts gewesen sein. Mit 13,93 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 49,4 Prozent hatten sich der Aufwand wie die Kosten für die ARD gelohnt, für die der NDR das Finale federführend übertrug.
Anke Engelke gebührt sicherlich der Vielseitigkeitspreis des Jahres. Ihre Moderation machte selbst öde Strecken des Eurovision Song Contest erträglich. Sie war freundlich und den Kandidaten zugewandt, dabei aber auch ironisch und lässig – in Deutsch wie in Englisch. Daneben war sie weiterhin in ihrer Reihe „Ladykracher“ (Sat.1, ab 18.2.) zu erleben, nahm mit Bastian Pastewka in „Fröhlicher Frühling – Wolfgang und Anneliese“ (Sat.1, 13.5.) wieder das Genre der Volksmusikshow auf die Schippe, moderierte erneut souverän den Europäischen Filmpreis (zeitversetzt am 4.12. bei Arte), trat weiter in der „Sendung mit dem Elefanten“ (Kika/WDR) auf, präsentierte deren Ableger „Elefantierisch“ (ARD/WDR, ab 17.9.), spielte nach wie vor in „Kommissarin Lucas“ (ZDF) die jüngere Schwester der titelgebenden Ermittlerin und war dann am Ende des Jahres als Schauspielerin in der Rolle der bösen Erzieherin im Kinderkinofilm „Lippels Traum“ (ARD/BR, 26.12.) von Lars Büchel zu sehen. Mehr und Unterschiedlicheres geht nicht.

Usain Bolt
Der Reporter Ralf Scholt (ARD) hatte am 28. August während der Live-Übertragung von den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Südkorea gerade davon gesprochen, dass der Favorit des 100-Meter-Laufs sich dadurch auszeichne, dass er jederzeit umschalten könne in den „Ernst-Modus“. Scholt meint damit, dass dieser Favorit, der ansonsten stets so locker daherkommt, sich wie kein anderer zu konzentrieren verstehe. Unterdessen hatte eine Kamera im Stadion von Daegu noch einmal die Konkurrenten des 100-Meter-Finales abgeschwenkt. Dann konzentriert sich eine andere auf Usain Bolt, der auf Bahn 5 startet. In einer Großaufnahme ist zu sehen, wie der Sprinter aus Jamaika in kauernder Startposition auf den Boden vor sich starrt. Als der „Fertig!“-Ruf des Starters erfolgt, wird auf eine weitere, seitlich postierte Kamera geschnitten. Sie zeigt, wie das Teilnehmerfeld kollektiv die Körper aufrichtet. Kurz vor Ertönen des Startschusses wird zu einer weiteren Kamera gewechselt, die das Rennen von oben zeigen soll. Doch dazu kommt es nicht. Denn mit bloßem Auge ist zu erkennen, wie Usain Bolt einen klassischen Fehlstart hinlegt. „Oh-hoho!“, ruft Ralf Scholt und er weiß: „Raus ist er.“ Nach den neuen Regeln darf man sich keinen Fehlstart mehr erlauben. Der große Favorit ist ausgeschieden.

8. Sport
Zu den großen Überraschungen des Jahres zählte der enorme Zuschauererfolg der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen, die in Deutschland stattfand. Selbst Vorrundenspiele ohne deutsche Beteiligung kamen auf überdurchschnittliche Zuschauerzahlen. Das Viertelfinale zwischen Deutschland und Japan sahen im ZDF gar 17,01 Millionen Zuschauer, die miterleben mussten, wie das favorisierte heimische Team in der Verlängerung verlor. Aber dieses frühe und unerwartete Ausscheiden der deutschen Elf minderte das Interesse nicht. So waren noch 15,39 Millionen Zuschauer dabei, als am 17. Juli um 23.12 Uhr nach einem spannenden Elfmeterschießen die Japanerinnen die Weltmeisterschaft gewannen. Die USA, die gegenüber Japan ebenfalls favorisiert waren, nutzten im Endspiel ihre Chancen nicht und unterlagen am Ende unglücklich. In seiner perfekten Dramaturgie ein weiteres Fernsehereignis des Jahres.
Selbstverständlich versuchten die Veranstalter (FIFA, DFB) wie die Fernsehsender (ARD, ZDF), diese Frauen-WM in Analogie zu jener der Männer von 2006 aufzuziehen, die ebenfalls in Deutschland ausgespielt worden war. Doch im Lauf des Turniers reduzierte sich das protzige Gehabe, verschwand das eitle Gerede von einem zweiten „Sommermärchen“ und erlahmten selbst die gönnerhaften Gesten, die Männer gegenüber dem Frauenfußball so oft zeigen. Eine sehr lockere Nia Künzer als Expertin bewies neben Claus Lufen (WDR) im Ersten Programm zudem, dass ehemalige Spielerinnen durchaus souverän über ihren Sport zu parlieren verstehen. Als einzige Frau durfte Claudia Neumann (ZDF) einige Begegnungen live kommentieren, der Rest war selbst den schwächsten männlichen Kommentatoren überlassen. Nach der WM verschwand der Frauenfußball wieder aus dem Fokus der Medien.
Die konnten sich bei den Männern in der Saison 2010/11 auf die triumphale deutsche Meisterschaft von Borussia Dortmund konzentrieren. Die jüngste Bundesliga-Mannschaft, die je eine solche Meisterschaft errang, bezauberte selbst eingefleischte Fans des FC Bayern München wie den Sky-Kommentator Marcel Reif durch eine ebenso elegante wie freche und leidenschaftliche Spielweise. Unvergleichlich der Moment, als am drittletzten Spieltag das Dortmunder Stadion in kollektive Ekstase verfiel, als Stadionsprecher Norbert „Nobby“ Dickel aus dem parallel laufenden Spiel von Bayer Leverkusen die Siegtore des heimischen 1. FC Köln vermeldete, die endgültig die Meisterschaft für den BVB bedeuteten. Das Dritte Programm WDR Fernsehen übertrug am 15. Mai mehrere Stunden von der rauschenden und berauschten Meisterfeier in der Dortmunder Innenstadt. Der BVB-Trainer Jürgen Klopp ist nicht zuletzt nach seinen Auftritten als WM-Fachkommentator (2006 im ZDF, 2010 bei RTL) zu einer Medienfigur geworden, die sich selbst stilisiert und auch als Werbefigur verkauft. Anders als diverse Politiker und viele Fernsehmoderatoren geht er mit der Rolle der Medienfigur ironisch um. Das bewies ein weiteres Fake-Interview mit Arnd Zeigler im Mai („Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“, WDR Fernsehen), in dem beide die Jugendorientierung des BVB karikierten.
Auch die deutsche Nationalmannschaft überzeugte in den von ARD und ZDF übertragenen Qualifikationsspielen zur Fußball-Europameisterschaft 2012 durch eine intelligente und technisch perfekte Spielweise. Im Ersten Programm bilden bei den Analysen im Studio Moderator Reinhold Beckmann (WDR) und Experte Mehmet Scholl mittlerweile ein gut eingespieltes Duo, bei dem sich der ehemalige Nationalspieler durchaus erlaubt, Fragen seines Partners, die ihm dumm erscheinen, einfach zu ignorieren. Verglichen mit ihnen wirken Katrin Müller-Hohenstein und Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn im ZDF provinzieller und vor allem nicht so cool. Für die samstägliche „Sportschau“ engagierte die ARD ab Sommer Matthias Opdenhövel als weiteren Moderator neben Reinhold Beckmann und Gerhard Delling. Eine gute Wahl!
Weitere Höhepunkte des Jahres waren die Leichtathletik-Weltmeisterschaften im südkoreanischen Daegu (live bei ARD und ZDF), die Triumphfahrt von Sebastian Vettel zu seinem zweiten WM-Titel in der Formel 1 (live bei RTL und Sky) und der sensationelle Meisterschaftsgewinn der Dallas Mavericks mit dem Deutschen Dirk Nowitzki in der National Basketball Association (NBA) in den USA, den man in Deutschland nur dann miterleben konnte, wenn man Sport 1 plus abonniert oder für 20 Euro die Übertragungen auf der Internetseite der NBA gekauft hatte.
Auf solche Internetangebote war auch angewiesen, wer in diesem Jahr regelmäßig Tennis sehen wollte. Von den Grand-Slam-Turnieren abgesehen, die auf Sky oder auf Eurosport gezeigt wurden, tauchte außer den deutschen Provinzturnieren kein weiteres mehr auf dem Bildschirm auf. Großer Triumphator des Tennisjahres war der Serbe Novak Djokovic, der drei der vier Grand-Slam-Turniere gewann und nur in Paris gegen den Schweizer Roger Federer verlor.

Muammar al-Gaddafi
Als der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi am 20. Oktober in seiner letzten Bastion, der Hafenstadt Syrte, aufgestöbert und getötet wurde, will so mancher dabei gewesen sein. Einer von ihnen ist im Bericht der 20.00-Uhr-„Tagesschau“ zu sehen. Er sagt auf Englisch, sie hätten ihn dort – seine Hand weist nach rechts aus dem Bild – geschnappt und einer von ihnen habe ihn erschossen, mit einer 9-Millimeter-Pistole. Der Kommentar nennt den Mann einen „angeblichen Augenzeugen“ und fragt: „War es so?“ Dann wird ein Video eingespielt, auf dessen Bild zu Beginn arabische Texttafeln liegen. Zu sehen ist, wie jubelnde Männer auf einen Kleinlastwagen zulaufen, auf dessen Fläche ein Körper gezogen wird, von dem der Kommentar sagt, dass er wie Gaddafi aussehe. Die „Tagesschau“ verlangsamt das Video nicht und friert auch kein Einzelbild ein. Andere halten sich nicht zurück. „Bild.de“ zeigt das Video komplett – wobei man erkennt, dass Gaddafi schwer verletzt noch lebt – und fügt dann eine andere Videosequenz an, die den Leichnam zeigt. Auch der „Spiegel“ druckt in seiner Ausgabe Nr. 43/11 seiner „Hausmitteilung“ ein Foto ab, das zwei Reporter neben der aufgebahrten Leiche Muammar al-Gaddafis zeigt.

9. Kultur
In den letzten Jahren gab es aus dem Bereich der Kultur wenig zu berichten. Die Magazine von ARD und ZDF („ttt – titel, thesen, temperamente“ bzw. „Aspekte“) fielen an den Rändern der Programme nicht sonderlich auf und hatten im Vergleich zur montags bis freitags ausgestrahlten „Kulturzeit“ (3sat) ohnehin wenig zu sagen. Noch schlimmer traf es die Literatursendungen. Für die ARD hält Denis Scheck mit „Druckfrisch“ am Programmrand (sonntags gegen Mitternacht) wacker die Stellung. Das ZDF, das einst mit Marcel Reich-Ranickis „Literarischem Quartett“ das Genre zur Talkshow erweitert hatte, setzte bei konsequentem Rückgang der Zuschauerzahlen weiter auf Popularisierung. Im Jahr 2011 durfte sich – nach dem Scheitern von „Die Vorleser“ mit Amelie Fried und Ijoma Mangold – nun Wolfgang Herles an der Literatur versuchen.
Der promovierte Germanist hatte zuvor „Aspekte“ geleitet und in seiner Freizeit einen Roman („Die Dirigentin“) geschrieben, was ihn gleich doppelt für seinen neuen Job zu qualifizieren schien. Für seine Büchersendung färbte er eine alte ZDF-Idee einfach um. Einst war man für eine Unterhaltungsshow mit einem roten Sofa, auf dem die zu interviewenden Gäste Platz nahmen, durch die Lande gezogen. Jetzt verpflichtet Herles einmal im Monat die Autoren, die er zum jeweils aktuellen Buch befragen will, auf einem blauen Sofa Platz zu nehmen – ein eitler Ausstattungsgag, mehr nicht; abgesehen einmal davon, dass die Sendereihe, die am 16. September erstmals ausgestrahlt wurde, natürlich auch „Das blaue Sofa“ heißt. In den Gesprächen dominiert dabei ebenfalls die Eitelkeit des Interviewers Herles, der stets mindestens so oft im Bild zu sehen ist wie seine Gegenüber.
Eine solche Idee, wie sie Wolfgang Herles in aller Konsequenz exekutiert, ist der Beweis dafür, dass das klassische Fernsehen den Menschen, die auf seinem Bildschirm erschienen, irgendwie den Gedanken oder die Vorstellung einflößte, sie seien wirklich jemand. Die Präpotenz, mit der Herles agiert und seine literarischen Urteile fällt, die Schriftsteller psychologisiert und die Literatur banalisiert, wie auch seine Eitelkeit, sich in jeder zweiten Einstellung selbst ins Bild zu drängen, ist aber längst im Internet von den bislang passiven Zuschauern übernommen und bis zur Bewusstlosigkeit imitiert und damit karikiert worden. Jeder Betreiber eines Videoblogs oder eines YouTube-Kanals ist längst selbst ein Herles, und dies zudem selbstironischer, als es dieser je sein wird.
Darauf hat der Sender, für den Herles nun seit 1984 arbeitet, sich mittlerweile eingestellt. Das ZDF startete am 7. Mai seinen neuen Digitalsender ZDFkultur, in den der alte ZDF-Theaterkanal umgewandelt wurde. Gemeinsam mit ZDFneo, gestartet im November 2009, ermöglicht das neue Spartenprogramm dem Hauptsender so etwas wie Reformen im laufenden Betrieb. Auf ZDFkultur wimmelt es beispielsweise von Sendungen, die von neuen jungen Moderatoren präsentiert werden. Das werktägliche Magazin „Marker“ beispielsweise, das aktuelle Themen aus der Kultur in bis zu drei Berichten präsentiert, wird von Rainer Maria Jilg, Lukas Koch, Nina Sonnenberg und Jo Schück moderiert. Vor allem Nina Sonnenberg mit ihrer extrovertierten Gestik tritt vollkommen anders auf als die klassischen Kulturmoderatoren – ironischer, skeptischer und dann doch phasenweise begeisterter als diese. Das Magazin selbst schwankt in seiner Form. Mal gefällt es sich in verqueren Gedanken und Überlegungen, die umständlich ausgeführt werden, mal irritiert es den Betrachter durch einen ebenso bewussten wie erhellenden Perspektivwechsel.
Zum Sendestart zeigte ZDFkultur die Langfassung eines damals aktuellen Videos der Beastie Boys. Und das war gleichsam ein Manifest. Denn der Sender fußt auf einer intelligenten, nicht bornierten und zudem weltoffenen Idee von Popkultur. Das zeigt sich etwa in Übernahmen der werktäglich ausgestrahlten BBC-Show „Later with Jools“, in der Bands und Sänger live vor einem Clubpublikum auftreten. Das zeigt sich aber auch in Eigenproduktionen wie „TV Noir“, wo deutsche Musiker live auftreten und vom Moderator (und Musiker) Tex in Gespräche verwickelt werden. Auch hier misslingt manches, wirkt schon mal müde, was frech sein soll. Aber in den besten Augenblicken entsteht so etwas wie Intensität.
Eine solche Intensität zeichnete auch das Konzert aus, das Arte am 30. Juli aus traurig-aktuellem Anlass ins Programm nahm. Es zeigte die Sängerin Amy Winehouse in einem 2007 aufgezeichneten Konzert. Winehouse war eine Woche zuvor tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden. Sie starb im Alter von 27 Jahren. Sie war eine Sängerin mit einer unfassbaren Soulstimme und einer enormen Bühnenpräsenz. Eine Frau, die sich mit ihrer hochtoupierten Frisur, ihren vielen Tattoos, ihrem starken Make-up und ihrem Dekolleté konsequent stylte. Und ein Star, der sichtlich drogen- und alkoholkrank war und an dieser Sucht schließlich auch starb. Bei diesem Konzert konnte man beides erleben: Man spürte die starke Bühnenpräsenz der Sängerin und ihre Musikalität, man ahnte aber auch die Sucht, mit der sie durchaus kokettierte.
Bei Arte wissen die Verantwortlichen derzeit nicht, in welche Richtung sich der deutsch-französische (Kultur-)Sender weiterentwickeln soll. Nachdem das deutsche und das französische Programm am Abend voneinander gelöst wurden, die Hauptsendung in Deutschland jetzt um 20.15 Uhr beginnt und in Frankreich erst um 20.40 Uhr, scheint sich die länderübergreifende Gemeinsamkeit schleichend aufzulösen. Arte muss in Frankreich, wo der Sender als eines von wenigen Vollprogrammen viel stärker wahrgenommen wird, auf seine Popularität achten. Das weckt Begehrlichkeiten nach mehr Spielfilmen und Serien. In Deutschland ist Arte ein Randprogramm, das vor allem als Nische für Kultur und Dokumentarfilme wahrgenommen und genutzt wurde. Diese Nischen werden nun durch die Popularisierungsanstrengungen der Franzosen tendenziell geschlossen. Da darf dann noch einmal live der „Lohengrin“ (14.8.) aus Bayreuth übertragen werden, aber bald muss es wieder heiterer oder härter werden. Gleichzeitig droht in Deutschland die neue Konkurrenz der ZDF-Digitalkanäle. In dieser Situation merkt man, dass es Arte an einer substanziellen Idee seiner Existenz gebricht.
Ähnliches gilt leider auch für 3sat. Der gemeinsam von den öffentlich-rechtlichen Anstalten aus Deutschland (ARD, ZDF), Österreich (ORF) und der Schweiz (SRF) betriebene Kultursender wird von seinen Gesellschaftern immer stärker nur noch als Abspielstätte für Wiederholungsprogramme behandelt. Das Magazin „Kulturzeit“, die verdienstvollen Dokumentarfilme, die der WDR und vor allem auch das ZDF als Erstausstrahlungen einbringen, und ein hervorragendes Repertoire an Spielfilmen reichen langfristig zur Identitätsbildung in einem sich noch stärker ausdifferenzierenden Fernsehangebot vielleicht nicht mehr aus. Viele ARD-Sender gehen mit 3sat so desinteressiert um wie mit den eigenen Digitalkanälen. Und dass beim ZDF, das bei 3sat am stärksten den Ton angibt, die neuen Spartenprogramme ZDFneo und ZDFkultur so wichtig geworden sind, könnte sich für 3sat eines Tages als fatal erweisen.

Terror von rechts
Am Abend des 13. November hatte eine Gesprächsrunde bei „Günther Jauch“ (ARD) bereits über den „Blutigen Terror von rechts“ diskutiert, aber noch war die Faktenlage eher dünn. Das änderte sich durch einen Beitrag des Magazins „Spiegel TV“ (RTL/DCTP) etwas später am selben Abend. Der Beitrag nannte erstmalig die Namen der beiden mutmaßlichen Mörder, die sich anderthalb Wochen zuvor selbst umgebracht hatten, und den Namen der Frau, die vermutlich ihre Komplizin war. Er rekonstruierte erstmals die Umstände, die zu den Selbsttötungen geführt hatten. Und er ordnete die beiden Männer und die Frau in das rechtsradikale Umfeld ein, zeigte sie bei Demonstrationen und Kundgebungen inmitten von Gesinnungsfreunden. Das Bekennervideo der Gruppe („Zwickauer Zelle“) zeigte das Magazin erstmals in Ausschnitten, beutete es allerdings nicht aus, sondern bearbeitete es so, dass die Opfer nicht ein weiteres Mal vorgeführt wurden. Und der Bericht deutete bereits das Versagen von Polizei und Staatsschutz an, indem er einfach Suchbilder nebeneinander stellte: Zu erkennen war nun, dass die Phantombilder, mit denen nach einem weiteren Mord in Nürnberg gefahndet wurde, den Aufnahmen aus einer Überwachungskamera glichen, auf denen die mutmaßlichen Bombenleger von Köln-Mülheim zu sehen waren. Man hätte nur hinschauen müssen.

10. Literatur, Musik, Film
Den Trick, den Karl-Theodor zu Guttenberg und Christian Wulff anwandten, als sie versuchten, sich den jeweiligen Vorwürfen zu entziehen, indem sie vorgaben, dass nicht das jeweilige „Ich“, sondern ein anonymes „Man“ für die „Fehler“ verantwortlich sei, kennen Schriftsteller nur zu gut. Sie kennen auch die Differenz zwischen einem Roman-Ich und ihrem Autorensubjekt. Das gilt nicht unbedingt für jene Leser, die beispielsweise den Roman „Schoßgebete“ von Charlotte Roche als reine Autobiografie lasen oder den Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge selbst in den Passagen noch als persönliche Lebensgeschichte begriffen, in denen der Autor Angelesenes aus der Allgemeingeschichte aneinanderkopiert hatte. Michel Houellebecq, der die Verwechslung zwischen Autoren-Ich und Roman-Protagonist des öfteren erlebt hat, lässt vielleicht deshalb in seinem jüngsten Buch „Karte und Gebiet“ eine Figur ermorden und dann auf drastische Weise verstümmeln, die den Namen Michel Houellebecq trägt.
Im wichtigsten deutschsprachigen Roman des Jahres – „Dein Name“ von Navid Kermani – schreibt der Ich-Erzähler, der den Namen seines Autors trägt, nieder, was ihm zwischen Juni 2006 und Mai 2011 widerfährt, und spielt zugleich damit, was erfunden, zugespitzt oder einfach nur protokolliert ist. Der Text changiert dabei zwischen privatesten Geschichten des Protagonisten und einer Allgemeingeschichte des Iran in den letzten 60 Jahren, zwischen einer sarkastischen Betrachtung des Medienbetriebs, der sich Navid Kermani als Spezialisten für den Islam einverleibt hat, und der ironischen Beschreibung des Kölner Alltagslebens rund um den Eigelstein, zwischen Totenklage und Loblied auf das Leben. Der Roman handelt vom tief empfundenen Glauben und dem Zweifel an ihm, von den Möglichkeiten der Literatur und ihren Grenzen. Er ist mitreißend komisch wie bewegend tragisch und zeigt zugleich, wie Komik und Tragik literarisch funktionieren. Kurz: Er ist vielleicht nicht das Meisterwerk, das Navid Kermani oder seine Romanfigur zu schreiben sich verpflichtet fühlte, aber ein Meilenstein der Gegenwartsliteratur auf jeden Fall.
Julian Barnes zwingt seinen Helden im Roman „Vom Ende einer Geschichte“, die Selbstlügen und Widersprüche der eigenen Biografie aufzudecken. Wie dieser Mann im Alter Schicht um Schicht einer mehr als 40 Jahre zurückliegenden Episode freilegt, ist atemberaubend geschrieben und perfekt konstruiert. Die Erkenntnis, die der Protagonist schließlich bilanziert („Da ist Verantwortung. Und darüber hinaus herrscht Unruhe. Es herrscht große Unruhe.“), teilen weitere Romane, die 2011 auf Deutsch erschienen sind. Beispielsweise „Chronic City“ von Jonathan Lethem, der durch ein ansonsten realistisch geschildertes New York der Gegenwart einen postmodernen Tiger wandern lässt, der manches Viertel in Schutt und Asche legt. Oder „Die Liebeshandlung“ von Jeffrey Eugenides, der streng realistisch eine Dreiecksgeschichte unter Studenten erzählt und dabei detailreich vom Leben mit einer manisch-depressiven Krankheit berichtet. In manchen Details der Kleidung erinnert die Figur des Erkrankten an den Schriftsteller David Foster Wallace, sie soll aber nach Aussage von Eugenides nichts mit diesem zu tun haben. Von Wallace, der sich im September 2008 das Leben nahm, erschienen im Jahr 2011 fünf bislang unveröffentlichte Kurzgeschichten unter dem Titel „Alles ist grün“ auf Deutsch.
Zu den besten CDs des Jahres zählten „The Whole Love“ von Wilco, „Let England Shake“ von PJ Harvey, „wolfroy goes to town“ von Bonnie Prince Billy, „Bon Iver“ von Bon Iver, „Apocalypse“ von Bill Callahan, das Comeback sowohl von Tom Waits („Bad as me“) als auch von Kate Bush („50 Words for Snow“) und die CD „Metals“ von Feist, deren Song „Limit to your Love“ James Blake auf seiner nach ihm benannten Platte so schön coverte. Nicht zu vergessen die Aufnahmen der Sopranistinnen Anna Prohaska („Sirène“) und Christine Schäfer („Arias“).
Im Bereich des Hörfunks seien als Begleiter durch den Alltag der Internetsender Byte FM mit seinem oft überraschenden Pop- und Rockangebot und das „WDR 3 Klassik Forum“ erwähnt, das im abgelaufenen Jahr die Lieblingsstücke der Hörer nebst den sich um diese Stücke rankenden Geschichten ausstrahlte. Am Ende siegten dann drei eher harmlose Ohrwürmer (Dvořáks Sinfonie „Aus der neuen Welt“ vor Griegs „Peer-Gynt“-Suite und Mozarts Konzert A-Dur für Klarinette und Orchester), aber dennoch bereitete das Projekt über Monate viel Spaß und es bewies wie nebenbei die enge Hörerbindung dieser Sendereihe.
„Source Code“ von Duncan Jones war nicht unbedingt der wichtigste Film des Jahres, doch der Strudel, in den sein Protagonist gezwungen wird und in dem er sich die Frage stellen muss, wer er denn wirklich sei, brannte sich in das Bewusstsein ein – jedes Mal, wenn man nach dem Kinobesuch einen Schluck Kaffee verschüttete, so dass er auf den Schuhen landete, war man wieder in diesem Film. Taumel des Subjekts auch hier.

Christian Wulff
Der Kameramann weiß nicht, aus welcher Tür der Bundespräsident kommen wird. Also schwenkt er unruhig von der linken Tür über das Rednerpult in der Mitte zur rechten und wieder zurück. Die Nachrichtensender warten am 22. Dezember in Berlin ab 15.20 Uhr auf den Auftritt von Christian Wulff, der sich erstmals zur Affäre der Finanzierung seines privaten Hauses in Großburgwedel äußern will. Ein Bericht der „Bild“-Zeitung hatte zehn Tage zuvor die „Kreditaffäre“ um den Bundespräsidenten ausgelöst. Um 15.38 Uhr kommt Wulff schnellen Schrittes aus der linken Tür. Noch im Gehen zieht er das Blatt des Manuskripts, dem er Stichworte für seine Rede entnehmen wird, aus der Innentasche seines Jacketts. Am Pult faltet er es auseinander, dann beginnt er, die Fingerspitzen der Hände aufeinandergelegt, mit seiner Erklärung. Er habe das Bedürfnis, sich „auch persönlich zu diesen Vorgängen“ zu äußern. Er habe dafür gesorgt, dass alle Informationen auf dem Tisch lägen. Er gesteht, er hätte „den Privatkredit dem niedersächsischen Landtag damalig offenlegen sollen“. Für dieses Versäumnis entschuldigt er sich. Was für einen Teil der Öffentlichkeit den Kern der Affäre ausmacht, hält er für ein Interpretationsproblem: „Ich sehe ein, nicht alles, was juristisch rechtens ist, ist auch richtig.“ Wulff spricht langsam, umständlich („damalig“), aber flüssig. Nur als er bedauert, dass er sich von seinem Sprecher Olaf Glaeseker „trennen musste“, stockt er für einen Moment. Dann wünscht er allen ein gutes Jahr 2012. Und fügt an: „Wir werden auch in diesem Jahr 2012 weiterhin gut zusammenarbeiten, so hoffe ich doch.“

Zum Schluss
Es starben die Auslandskorrespondenten Michael Franzke (WDR), Patrick Leclercq (SWR), Eberhard Piltz (ZDF) und Rudolf Rohlinger (WDR), die Reporter, Redakteure und Redaktionsleiter Birte Dronsek (ZDF), Jeanette Würl (NDR), Rolf Buttler, Hannes Hoff, Claus Werner Koch (alle WDR), Michael Lion (Sat.1), Thomas Reimer (SWR), Wolf Dieter Ruppel (WDR); der ehemalige WDR-Fernsehdirektor Jörn Klamroth, der einstige ZDF-Chefredakteur Reinhard Appel, SR-Intendant Fritz Raff und Direktor Manfred Helmes von der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz (LMK); die Produzenten Bernd Eichinger, Otto Meissner und Helmut Ringelmann; der Medienunternehmer Leo Kirch; der Schauspieler und Entertainer Peter Alexander; die Schauspieler Heinz Bennent, Dietmar Mues und Heinz Reincke; die Schauspielerinnen Charlotte Kerr, Maria Kwiatkowsky, Witta Pohl, Rosel Zech; der Autor und Regisseur Oliver Storz; der Regisseur und Produzent Peter Schamoni; der unvergleichliche Loriot; der Filmkritiker und Filmessayist Michael Althen, der Germanist und Medienwissenschaftler Friedrich Kittler; Eva Thirring, die seit Gründung des Grimme-Instituts so etwas wie dessen geheimes Zentrum bildete, und der Dokumentarfilmer Donatello Dubini, dem der Rückblick gewidmet sei: Lello, adieu!

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Letzte Änderung: 10.12.2018 12:47