Die Kanalisation der Welt

Eine Argumentation gegen „betreutes Sehen“
Von Gert Scobel

Das Londoner Science Museum ist ebenso hervorragend wie beliebt – selbst bei Kindern und vor allem bei der im deutschen Fernsehen so heiß umworbenen Zielgruppe der Jugendlichen. Es unterhält einen gut gehenden Museumsladen, in dem sich ein für deutsche Fernsehschaffende geradezu unverzichtbares Souvenir erwerben lässt: Das „Reflect Mouse Pad“ mit dem guten alten deutschen Fernsehtestbild. Nun wissen Medienmacher längst, dass die Maus bis heute nicht nur in der Genetik das Forschungsmodell schlechthin ist. Auch in der eigenen Branche wurde die Maus als Modell für die Generation „Apple Plus“ zum Testfall. Denn die jüngste Generation hat die Maus, wie anscheinend auch das Fernsehen, abgeschafft. Vielleicht gehört auch deshalb beides, Mauspad und Fernsehen, zusammen. Auf der Verpackung des Londoner Science-Museum-Mouse-Pad ist jedenfalls nicht nur zu lesen, wie hervorragend die Qualität dieser speziell für optische High-Tech-Lasermäuse entwickelte Unterlage sei. Sondern auch wie überaus stilvoll und ästhetisch passend. Denn diese Testbild-Mausunterlage und ihre Retro-TV-Grafik sind gemacht worden um uns liebevoll zu erinnern an die Schönheit einer soon-to-be obsolete technology.

Genau das ist die gängige Antwort auf die Zukunftsfrage des Fernsehens. TV ist eine zur App verkommene „soon-to-be-obsolete technology“. Mit diesem einen Satz ist das Fernsehen ins mediale Sterbezimmer abgeschoben. Fernsehen scheint wie seine Zielgruppe überaltert, verbraucht und hinfällig geworden zu sein. Und doch lebt das gute alte Fernsehen allen Untersuchungen zufolge, die ich kenne, fröhlich weiter. Laut der neusten Studie „More than TV. Handbuch für eine Branche, die sich neu erfindet“ liegt der durchschnittliche Fernsehkonsum in Deutschland bei 227 Minuten täglich – ein Zuwachs von 20 % gegenüber dem Jahr 2000. Dem Fernsehen wird in der Studie durch neue technische Möglichkeiten „eine wachsende Bedeutung prognostiziert“. Allerdings wird das Fernsehen zu 97 % linear genutzt (ARD/ZDF Onlinestudie 2011). Da die durchschnittliche Gesamtmediennutzung (Musik, Radio, Autoradio, Fernsehen, Internet, Smart Phone, Kommunikationsdienste, PC, Multimediaspiele etc.) bei rund 9 Stunden liegt, wird deutlich, dass die Parallelnutzung von Medien insgesamt deutlich zugenommen hat (Research Flash, SevenOne Media, Juli 2011). Laut der Studie von SevenOne Media ist das Fernsehen ein starkes Initialmedium für eine Produktsuche im Internet. Dass Internet und Fernsehen zu einem Gerät verschmelzen, ist da nur logisch. Tatsächlich hat das Fernsehen aber im durchschnittlichen Tageskonsum zugelegt. Es ist und bleibt nach wie vor das beliebteste elektronische Nebenbeimedium der Welt. Damit scheint entgegen der Sterbezimmer-These klar, dass Wetten dass ..? zwar aussterben mag, das Fernsehen als Gerät und damit aber auch als „raumzeitliche Konfiguration, als Prozess der Wahrnehmung und Verarbeitung“ (Lutz Hachmeister „Stirbt das Fernsehen?“, in: Rheinischer Merkur 2008) jedoch ebenso wenig vom Computer oder Smartphone verdrängt werden wird wie einst das Radio vom Fernsehen oder das Buch von beidem. Damit wird vermutlich auch der etablierte Prozess einer komplexen Produktherstellung zwischen Produzenten und Sendern bestehen bleiben, auch wenn er sich technisch und organisatorisch vielleicht in Zukunft noch stark ändern wird. Aber selbst das Buch (ein meist 1-2 cm dickes, interaktives Device, das allerdings nur offline benutzt werden kann) erfreut sich immer noch höchster Beliebtheit – vielleicht gerade weil ein Buch völlig ohne Strom auskommt, sich aber dennoch auf bewährte Apple-Art wie ein iPad blättern lässt. Das Buch ist nach wie vor das Weihnachtsgeschenk Nummer eins, das ohne eine zu ihm gehörende, inzwischen stark modernisierte Produktionskette der Herstellung, nicht zu denken ist. Daraus ergibt sich die Frage wie hoch überhaupt die Treffsicherheit von langfristigen Zukunftsvoraussagen in Sachen Fernsehen und Medienrevolution ist. Bislang gab es bekanntlich vier große derartige Revolutionen: Den Wechsel von der mündlichen Gesellschaft zur Schriftkultur und zur zunehmenden Kommunikation und Archivierung mithilfe von Schrift; zweitens den Buchdruck und damit die massenhafte Reproduktion von Schrift;  drittens den Wechsel vom Buch zu den elektronischen Medien Radio und Fernsehen sowie viertens den Wechsel zum globalen Internet. Vermutlich besteht die fünfte Medienrevolution darin, mit Hilfe von drahtlos arbeitenden iBrain-Implantaten rauschfrei, in 3D und allein durch Gedankenkraft auf alle verfügbaren Kanäle und Medien zugreifen zu können, die alle im iBrain-Store bereitgestellt werden.

Wie also steht es um das Fernsehen? Es ist seltsam, dass die meisten Fernsehschaffenden Pessimisten sind und selten laut sagen, was sie insgeheim denken. Was man quer durch die gesamte Senderpalette offiziell zu hören bekommt, ist ein erstaunlich nichtssagendes Konsensmantra: „Wir befinden uns derzeit im größten Umbruch, den die Medienlandschaft je zu bewältigen hatte. Da ist es unendlich schwer zu sagen, was wird. Aber wir werden die Herausforderungen gut bewältigen.“ Leuchtet das nicht sofort ein? Der Satz erklärt wie nebenbei, warum es derzeit so wenig wirkliche Erklärungen für die Umbrüche in der Fernsehlandschaft gibt. Weil sich nämlich alles ändert, deshalb auch das, was so aussieht, als ob es stagniere, in Wahrheit ständig anders ist, so dass niemand wirklich weiß, wo wir gerade stehen weil alles sich so schnell ändert. Und weil das so ist, weiß auch niemand so richtig, wohin die Karawane der Nutzer (samt Onlinenutzung) letztlich ziehen wird. TV-Manager ähneln in dieser Hinsicht ein wenig den nervösen Hedgefonds-Managern: Als Geschäftsleute haben sie wenig Lust sich endgültig auf irgendetwas festzulegen – und schon gar nicht auf eine Prognose. Kurzfristige Wetten – dass muss reichen und auch nur, wenn´s sein muss. Aber nichts Langfristiges. Noch eines haben die Banker mit den Fernseh-Managern gemeinsam. Wenn es nach ihnen ginge, würde nach dem Vorbild der Bad Banks so etwas wie eine Bad Media Bank eingerichtet werden. Falschgeld lässt sich juristisch verbieten, wie Jochen Hörisch unlängst formulierte. Aber enorme Qualitätsdifferenzen bei Medienprodukten wohl kaum, selbst nicht bei öffentlich-rechtlichen Anstalten.

Wenn also über die Zukunft des Fernsehens gesprochen werden muss, dann konzentriert man sich lieber auf technische Neuerungen als auf das, was Fernsehen ist und sein sollte. Tatsächlich verfügten vor zwei Jahren bereits knapp die Hälfte „der deutschen Fernsehhaushalte über einen Flachbildschirm mit einer durchschnittlichen Bildschirmdiagonalen von 91 Zentimetern“ (More than TV, Studie von HMR International 2011) Doch es wäre falsch, wenn die Frage „Was wird uns erst der Fernseher der Zukunft bringen?“ davon ablenkt, dass das Fernsehen als eine sich vom Internet unterscheidende Produktionsform bestehen bleibt, gleich ob es nun in 2D oder als 3D HDTV auftritt, voll internetfähig ist und insofern als „Smart TV“  nach wie vor – in einem großen Gerät! – das ermöglicht, was auf jedem kleinen Laptop möglich ist:  fern zu sehen, zu kaufen, zu surfen und Internetdienste zu benutzen. Von der Komplexität der Welt, in der wir tatsächlich leben, ahnt der, der viel Fernsehen schaut, nur wenig. Die Welt ist für viele Fernseh- und Computernutzer flach wie eine Scheibe und lässt sich entsprechend leicht bedienen. Wem diese Feststellung nach allzu viel Ressentiment, Aufklärung und Bildungsdünkel klingt, der  wird die Frage stellen, ob es im Fernsehen überhaupt um unser wirkliches Leben gehen könne. Fernsehen sei doch kein Lebensverbesserungs- oder Lebensoptimierungsapparat. Stattdessen sollte man den Konsumenten einfach das geben, was sie am meisten lieben: die Möglichkeit, mit dem Fernseher – Ironie des Wortes – gut abschalten und sich unterhalten zu können! Ist Fernsehen also doch eine Art Opium fürs Volk, ein anerkanntes Beruhigungsmittel, dass uns beweist, dass es selbst am Ende eines langen, harten und schwierigen Tages immer noch weitergehen wird, dass die Welt gar nicht so schlimm sein kann, weil der Strom der Bilder nie abreißen wird und hinterm Horizont noch ein Programm kommt und noch eins? Und weil sich bei all den Programmen doch jemand etwas dabei denken muss? Abgesehen davon: Gibt es nicht schon genug Berichte über Hunger, Tod und Folter? Sollte es nicht in Fortsetzung antiker römischer Traditionen allein aus diesem Grunde schon mehr Brot und Spiele, Entspannung für die ganze Welt geben?

Tatsächlich wählen Kunden, die selten die Waren, die sie konsumieren, auch erfinden, aus dem Angebot aus, das man ihren vorsetzt. Das andere, das, was möglich wäre und was es noch nicht gibt – sehen sie ja gerade nicht. Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann wurde nicht müde zu betonen, dass das, was in den Medien geschieht, immer nur in „Differenz zu einem Kontext anderer Möglichkeiten“ geschieht. Bei allem, was mitgeteilt, gezeigt, gesagt wird, gibt es daher etwas nicht Mitgeteiltes, nicht Gezeigtes, nicht Gesagtes, einen Kontext von anderem und Möglichem, welcher das, was ist, mitprägt – aber eben nicht zu sehen ist. Mir scheint, dass die wesentliche Aufgabe des Fernsehens der Zukunft darin bestehen wird, dieses Andere und oft Fehlende zu aktivieren. Damit das, was ist und gezeigt wird, nicht all das verdrängt, was eben auch möglich und vor allem: besser wäre. Das Fernsehen der Zukunft ergibt sich meiner Ansicht nach weniger aus technischen Neuerungen und erst recht nicht aus mehr Quote – denn Quote bedeutet als Faustregel nur, dass man bald mehr vom Gleichen haben wird. Was Quote bringt, produziert vor allem Sendungsklone. Das Fernsehen der Zukunft wird – und dies ist mein festes Bekenntnis zum dualen System und damit zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen – in Wahrheit in erster Linie hervorgehen aus einer gründlichen Reflexion über das, was noch möglich ist. Fernsehen ist in meinen Augen nach wie vor ein Bildungsmedium – jedenfalls dann, wenn Bildung auch bedeutet, etwas wissen zu wollen, sich kritisch mit seiner Zeit zu befassen und Anregungen zu bekommen, wie man am Möglichen arbeiten kann. Bildung darf man sich nicht primär als eine Mediensuppe vorstellen, in die man Bildungsinhalte wie Buchstabennudeln schüttet. Bildung ähnelt eher einer Brille, die unser eigenes Sehen, unser Urteilen bewusst machen und verändern kann. Kritik ist nicht nur Herausarbeiten dessen, was besser nicht wäre, sondern zugleich immer auch Leidenschaft für das Mögliche. Insofern muss das Fernsehen der Zukunft, wenn es Bestand haben will, die Urteilskraft der Zuschauer bilden und stärken statt sie zu beleidigen. Es wird zum Denken anregen müssen und deshalb aufregend sein. Das bedeutet, zuweilen nicht auf die Quoten zu schielen und bewusst zu überfordern. Das Fernsehen der Zukunft wird Unterhaltung nicht mehr nur als Brot und Spiele verstehen, sondern als intelligentes Gespräch über relevante Themen. Mehr noch: Fernsehen wird neben aller Nutzung als Medium der Unterhaltung vor allem ein journalistisches Medium bleiben. Im Sinne Luhmanns aktiviert das Fernsehen im Vergleich zum Internet das andere und Fehlende unter anderem, insofern das Internet keinerlei Filter für die Qualität von journalistisch valider Information garantiert – das Fernsehen aber wenigstens in der Regel. Das Internet ist bloße Textur – aber kein Text; es ist Verbindung oder stellt Verbindungen her, nicht aber Zusammenhänge (Alexander Pschera, 800 Millionen. Apologie der sozialen Medien, Berlin 2011). Qualität macht in diesem Zusammenhang von der Denkfigur des Aristoteles Gebrauch, die Qualität vor allem als Verlässlichkeit auch menschlicher Beziehungen interpretiert. Fernsehen bietet eine Funktion des Filterns und der seriösen Beurteilung von Information. Das Vertrauen, das in dieser Hinsicht immer noch in das Fernsehen gesetzt wird, dürfte nicht nur aus Gründen des Missbrauchs eigener Sehgewohnheiten oder Daten höher sein als das Vertrauen gegenüber  dem Internet. Die Qualität des Fernsehens als Form medialer Kommunikation besteht nicht zuletzt darin, dass es durch eigens ausgebildete Fachleute in der Lage ist, den unübersehbaren Strom der Information zu filtern, sinnvoll zu organisieren, auf Wahrheit hin zu befragen und damit Orientierung zu erlauben. Klar ist, dass Fernsehen in dieser Hinsicht nach wie vor viel zu verspielen hat (und gegenwärtig auch verspielt): nämlich das Vertrauen der Nutzer auf die gute Entscheidung anderer in einem komplexen, vom User längst nicht mehr überschaubaren System. Pathetisch formuliert: Im Idealfall bietet Fernsehen täglich und in Bezug auf bestimmte Programmplätze einen Überblick über die Welt, der sich dem alten Kriterium der Wahrheitssuche verpflichtet weiß. Während im Internet alle alles machen können, gilt im Fernsehen eine höhere normative Verbindlichkeit: sunt qui censent.

Solche Vorstellungen finden viele Fernsehmacher, übrigens nicht nur in den kommerziellen Anstalten, völlig überzogen. Fernsehen sei in erster Linie Unterhaltung und eines von den erprobtesten Mitteln, Geld zu machen, Macht und Meinungsführerschaft zu erreichen bzw. sie zu festigen. Aber ist Fernsehen wirklich nur ein Mittel um zu zeigen, dass die eine Meinung oder die eine Anstalt besser „performt“ als eine andere? Geht es darum – um das Überleben der Meinungen und der jeweiligen Anstalten? Entscheidender ist die Frage, ob Fernsehen so sein soll. Und ist es wirklich, wie oft behauptet, weltfremd anzunehmen, dass Fernsehen eben doch noch einem anderen Zweck diene als alleine dem, ein Produkt herzustellen, das möglichst viele Menschen sehen, sprich konsumieren wollen? Mir scheint, dass dieser Schuss „Weltfremdheit“ aus gutem Grund im Rundfunkstaatsvertrag verankert worden ist. Insofern Kultur immer auch mit der Fähigkeit zusammenhängt, sich kritisch auf sich selbst zu beziehen, um auf diese Weise aus Fehlern zu lernen und das Leben zu verbessern, muss auch Fernsehen diese Dimension der Reflexion der Gegenwart beinhalten. Es kann dann nicht mehr nur um Quote gehen – sondern um Arbeit am Menschen. Dies ist, pathetisch formuliert, die sich auf Normen hin selbst verpflichtende Qualität des Fernsehens. In einer Zeit, in der sich unsere Gesellschaft zu Recht auf Bildung und Wissen besinnt und darauf, eine Wissens- und Informationsgesellschaft zu sein, wird auch das Fernsehen es sich nicht leisten können, einen derart großen Teil von privat genutzter Zeit ohne einen Hauch von Reflexion verpuffen zu lassen. Im Klartext bedeutet das, dass Sendungen im Zweifelsfall eher auch mal überfordern statt unterfordern sollten, auch wenn eine solche (Auf-)Forderung gegenwärtig Fernsehmachern die Zornesfalten ins Gesicht treibt. Das gängige Leitprinzip im Fernsehen lautet: Wenn´s nicht ankommt, dann leg die Messlatte eben gleich zwei tiefer. Es wäre interessant zu erforschen, ob Zuschauer das wirklich wollen. Ich kenne viele, die ihr Fernsehgerät inzwischen vollständig abgeschafft haben, weil sie das Gefühl haben, dass die Zeit, die sie vor dem Fernseher mit dem verbringen, was zu sehen ist, völlig sinnlos verbrachte Zeit ist. Selbst die Vorstellung, dass man in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zumindest die Alten geradezu automatisch gepachtet habe, erweist sich in dieser Hinsicht als Irrtum. Die am besten ausgebildete Generation älterer und alter Menschen ist wählerisch. Seltsamerweise ist denen, die in den täglichen Fernsehlegebatterien arbeiten, diese Einsicht bewusster als manchem Manager in den oberen Rängen. Überhaupt scheint in den unteren Rängen der Fernseharena oft ein direkteres Gespür für das Publikum vorhanden zu sein. Was angesichts der offiziellen Verlautbarungen zu einer spürbaren Nervosität führt. Bernd Stromberg, der von Christoph Maria Herbst verkörperte Chef der gleichnamigen ProSieben-Serie, erklärt diese Nervosität so: Im Grunde sind wir doch alle Erdmännchen. Wir brauchen immer ein Erdmännchen, das auf die anderen aufpasst, die ihrerseits auf andere Erdmännchen aufpassen müssen. Sonst herrscht Chaos im System. In den Anstalten wissen Pfleger und Gepflegte das ganz genau. Immer dann, wenn die erhoffe Wunschquote oder die Zielvorgabe nicht erreicht wird, wird kurzer Prozess gemacht. Schnell wird eine ganze Station geräumt oder unter Quarantäne gestellt (zuweilen sogar bereits bevor der erste Keim einer neuen Sendung seinen Weg durch die Studios nach draußen auf den Schirm gefunden hat). Das Prinzip, nach dem verfahren wird, lautet: Sag ihnen, sie sollen kreativ sein. Aber mach ihnen klar, dass es am Ende wie in jedem Heim zugehen muss. Für diese Form des Managements gibt es einen, wie ich finde, sehr passenden Ausdruck. Es heißt „betreutes Senden“.

Sieht man genauer hin, so entdeckt man allerdings, dass auch in den oberen Rängen Unklarheit über Sinn, Zwecke, Ziele des Ganzen herrscht – und über die Methode, diese unklare Zukunft zu verwalten und in Sendungen umzusetzen. Laut Stromberg kommt Nervosität von „ganz oben“ und zieht sich dann in bewährter Erdmännchen-Manier bis nach „ganz unten“ durch. Deshalb verdanken sich sowohl übertriebene Hektik und Innovationsfreude wie bräsige Beharrlichkeit als Managementprinzipien in den Medienanstalten paradoxerweise ein und demselben Anlass. Beides sind nämlich bewährte Methoden, mit Unsicherheit und Risiko so umzugehen, dass sich nichts ändert. Eines allerdings hat sich verändert – und das ist kein Geheimnis sondern offen sichtbar: die Härte, mit der der Kampf um das wirtschaftliche Überleben insbesondere die freien Mitarbeiter im Fernsehbereich trifft. Der interne Umgangston ist spürbar härter, damit greller und autoritärer geworden, nicht nur im kommerziellen Fernsehen. Hinter der freundlichen Fassade einer lockeren, durch Managementseminare gestützten Unternehmenskultur wird zunehmend autoritär und somit selbstherrlicher verfahren – auf eine Art und Weise, die ich für bereits überwunden gehalten hatte. Aber die Nerven liegen blank und keiner will zugeben, dass er oder sie die Gesamtentwicklung eben auch nicht überschaut und mit den anderen Erdmännchen in einem Boot sitzt. Hauptsache, es wird „von ganz oben“ das Gefühl vermittelt, dass kräftig gesteuert wird. Doch in welche Richtung? Da keiner der Erste sein will, der bei diesem Spiel blankzieht, wechseln die Ansagen im Zweifelsfall im Rhythmus der Berater, der politischen Ansagen und der höchst veränderlichen Intuitionen der Chefs. Darunter leidet am Ende nicht nur die Belegschaft, sondern auch das Führungspersonal selbst, von dem ich den Eindruck habe, dass es zunehmend weniger aus dem Fernsehen selbst und stärker aus Wirtschaft, Politik oder dem Bereich Jura rekrutiert wird. Als Faustregel gilt, dass Manager Journalisten grundsätzlich misstrauen. Nicht nur weil beide alles immer besser wissen als alle anderen. Beide sind notgedrungen auch Generalisten. Vielleicht ist deshalb der Glaube weit verbreitet, dass man am besten wenig vom Fernsehen verstehen müsse, um ein guter Fernsehmanager zu sein. Jemand, der erfolgreich eine Schraubenfirma leitet, müsse ja schließlich nicht selber Schrauben gefertigt haben. Er müsse nur wissen, wie man Prozesse organisiert. Aber stimmt das?

Man stelle sich einmal diese Einstellung, dasselbe Einstellungsverfahren bei einem Unternehmen wie der NASA vor, das sich auf die Fahnen geschrieben hat wieder ein zukunftsfähiges Unternehmen zu werden. Also schaut man sich um auf dem Markt, wo es junge, fitte Leistungsträger gibt, die etwas von Zukunft verstehen – was übersetzt in den Fernsehbereich lediglich bedeutet, dass sie mit Computern, Wackelbildern und der Haltung groß geworden sein müssen, dass es auf Wissen nicht ankäme, wohl aber auf gute Sprüche. Auf diese Weise würde man dann bei der NASA ein Heer von Auto- oder Internetmanagern einstellen, weil diese sich ja notorisch Gedanken über die Zukunft machen und etliche Krisen bereits überwunden haben. Die Folge ist, dass diese neu eingestellten Manager ihren NASA-Untergebenen predigen, was sie wissen und gelernt haben – nämlich bei der Arbeit gefälligst mehr auf die Dinge zu achten, auf die man in der Automobil- oder Internetbranche geachtet hat. Wieder übersetzt in den Fernsehbereich lautet einer der meist gehörten Aufträge an Arbeitsgruppen: „Überraschen Sie mich mal!“ Warum also nicht mal zur Abwechselung Raketen mit Rädern bauen? Niklas Luhmann hätte gesagt, dass aus systemtheoretischer Sicht Überraschungen nur funktionieren können auf dem Hintergrund eines definierten Kontextes. Definiert aber heißt Fernsehen mit klaren, verlässlichen Konturen. Ständige neue Überraschungen machen den Zuschauer geradezu verrückt: er findet einfach nichts mehr. Und doch wird in der Fernsehbranche jeder, der die Ideologie permanenter Überraschung infrage stellt, als alter Bedenkenträger disqualifiziert: als jemand, der eben nicht mit der „crazy Welt“ des Internets groß geworden ist. Was mit einem Mal zählt im Fernsehbereich, sind weder handwerkliches oder journalistisches Können, sondern Facebook- und html-Kenntnisse. Journalismus ist ein aussterbendes Handwerk und zurzeit wenig gefragt. Was zählt, sind Web-Ideen, kein Fernseh-Können. Gefragt sind die „Digital Natives“. Hoch im Kurs gerade bei älteren Chefs stehen die Nerds. Denn sie sind die Einzigen, auf die Verlass ist. Sie wissen, wo es langgeht, weil sie die ersten Menschen sind, die in der bisherigen Geschichte der Menschheit mit dem Internet aufgewachsen sind. Denken und fühlen sie nicht anders? Lassen die es nicht ganz anders krachen – während die alten analogen Journalisten das Internet nur haben wachsen sehen über all die Jahre ohne wirklich zu wissen, was sich da tat? Wer der Vor-YouTube-Generation entsprungen ist, ist per Schuld des Alters unerfahren, ist alt, einfallslos, gestrig. Und vor allem: langweilig! Wer will heute schon journalistische Qualität? Damit kann man keine Quote machen. Wie also sollte man mit solchen Leuten, die immer noch an journalistische Tugenden und Wahrheit glauben, das Fernsehen der Zukunft machen?

Meine bisherige Beobachtung ist, dass das Internet vor allem zwei Dinge änderte. Zum einen fügte es einen weiteren Distributionsweg – einen Modus der „Ausstrahlung“ des Fernsehens – hinzu. Zum anderen ließ es, weil dieser Distributionsweg stets international und global ist, die Rechtsabteilungen und das Programmmanagement anwachsen. Digital Rights Management ist eine schwierige, sehr umfangreiche, aber lukrative Sache. Lukrativer als das eigentliche „Machen“ von Programmen. Denn man kann sicher sein, dass jeder nicht geklärte Filmausschnitt von Horden juristisch geschulter Menschen „gescreent“ wird, um dann Schadenersatz von den Anstalten zu verlangen, die den Ausschnitt im Internet (also weltweit) „senden“, obwohl sie nur auf Deutschland beschränkte Ausstrahlungsrechte haben. Die Rechtekosten, die mit dieser Einstellung der Inhalte ins Internet verbunden sind – denn Internet bedeutet ja immer den Erwerb weltweiter Ton-, Musik- und Bildrechte! –, und der damit verbundene logistische, organisatorische und finanzielle Aufwand können gar nicht umfangreich und kräfteraubend genug veranschlagt werden. Die viel beschworene „nicht lineare“ Fernsehnutzung hingegen – eine nicht mit dem Fernsehprogramm übereinstimmende, seitlich verschobene Nutzung – erscheint mir konzeptionell völlig überschätzt zu werden. Hat es nicht bereits mit der Einführung der VHS-Rekorder „Video on Demand“ gegeben? Hatte nicht der gute alte VHS-Rekorder bereits dieselbe „nicht lineare“ Funktion wie heute der Abruf einer Sendung in der Mediathek? Statt auf einem Server wie heute lag damals die Konserve auf dem Stapel mit VHS-Kassetten. Der einzige Unterschied besteht darin, dass heute die Sender über die Mediathek selber diese Aufnahme übernehmen.

Und an noch einem wichtigen Punkt hat das Internet, ob nun bei linearer oder nicht-linearer Nutzung, nichts, aber auch gar nichts geändert: an der Erwartung und Forderung von jedem User, der länger auf einem großen Bildschirm fernsieht (gleich ob das über das Internet oder über einen anderen Weg), auch in Zukunft beste Bild- und Tonqualität verlangen zu können – eine Qualität, die mindestens der des bisherigen Fernsehstandards entspricht. Insofern macht das Internet nur wenige Produktionen wirklich billiger. Das notorische Gewackel mit der Kamera, das heute dem 8mm App des iPhones entspricht, die Skype-Optik oder die inzwischen bereits langweilende Überwachungs-Kamera-Optik: all das wird auf Dauer nicht befriedigen. Mag sein, dass es reicht, um sich auf YouTube schnell etwas anzusehen. Doch meine Beobachtung ist, dass selbst Jugendliche früher oder später wieder gerne vor dem großen Fernseher sitzen wollen statt vor ihrem Laptop oder einem Smartphone. Sie wollen den großen Fernseher, weil die Qualität in Richtung Kino geht und es auf diese Weise Spaß macht (Achtung: Fernsehen 2.0!), mit anderen zusammen ihre Serie, ihre Sendung (aufgezeichnet auf Festplatte) anzusehen. Falls sich diese Beobachtung durch Studien belegen lässt, ist klar, dass es gerade mit Blick auf die junge Generation auf Dauer fatal wäre, an der Ausstattung der Kamerateams, der Studios, des Lichts, des Bild- und Tonschnittes, aber auch der Ideen, der Drehbücher und der Recherche zu sparen, um auf diese Weise mit dem „We are digital natives“-Fähnchen in der Hand immer weit unter der Messlatte bereits erreichter Fernsehstandards hindurch wackeln können. Noch etwas lässt ahnen, dass es mit der innovativen Auswirkung des Internets auf das Fernsehen möglicherweise nicht wirklich weit her ist, auch wenn das Führungspersonal in öffentlich-rechtlichen Sendern häufig das Gegenteil behauptet. Natürlich hat das Internet einen großen Teil der Anzeigen auf dem Zeitungsgeschäft für sich abgezogen. Die Zeitungen selber hat das in ihrem Erscheinen (zum Glück) bislang wenig verändert. Bleibt die Frage, warum so viele große Verlage bereits zwei, wenn nicht dreistellige Millionenbeträge sowohl in der ersten wie in der zweiten Internetblase für Internet-Zeitungskonzepte versenkt haben? Welche Zeitung hat bislang ein wirklich schlüssiges Vermarktungskonzept für das Zeitalter des Internets gefunden? Was also berechtigt Fernsehmacher (zumal diese oft mit dem Zeitungsmarkt verbandelt sind) zu der Hoffnung, all das wäre auf dem Fernsehmarkt völlig anders – vorausgesetzt man versteht unter Fernsehmarkt nicht einfach die Summe all der Angebote, die man bereits auf YouTube findet, Amateurvideos inklusive. Vielleicht sollte sich mancher deutsche Fernsehmanager, der mehr Überraschung fordert, tatsächlich den Rat von Tyler Brulé zu Herzen nehmen, einem der innovativen Obergurus der internationalen Zeitungs- und Medienszene. Gerade Brûlé lobte den als konservativ und altmodisch geltenden „German Mittelstand“. Er finde es einfach ungeheuer befreiend, „mit einem Provinzbetrieb zusammenzuarbeiten, der sich seit Generationen auf eine Profession konzentriert, in diesen Zeiten, in denen jeder jede Sekunde die Hosen auf Facebook runterlässt.“ In ähnliche Richtung zielte die Bemerkung eines Kollegen aus den Printmedien, der mir unlängst sagte, dass er es erschreckend finde zu sehen, wie wir Fernsehmacher in Panikstarre verfallen, nur weil „ein paar Direktorenkinder Facebook und Twitter entdeckt haben“.  Vermutlich wird bei dem ganzen Hype um soziale Netze und Interaktivität schlicht und einfach vergessen, dass eine Fernsehsendung zwar ihre Fangemeinde braucht, die sie womöglich über das Internet noch steigern kann. Doch das bedeutet längst noch nicht, dass Fernsehen der Zukunft ein primär interaktives Medium wie das Internet sein wird. Warum nicht? Weil Fernsehen in erster Linie ein „Lean-Back“ Medium ist und bleiben wird. Fernsehen lebt davon, andere etwas machen zu lassen und ihnen zuzusehen. Tatsächlich kommt die ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 zu dem Ergebnis, dass Fernsehen zu 97 % linear geschaut wird. Fernsehen lebt, pathetisch formuliert, von dem Vertrauen auf die Arbeit anderer, die in der Lage sind, aus der unübersehbaren Informationsflut des Internets relevante Information und Wissen herauszufiltern. An dieser Qualität misst sich die Qualität des Fernsehens. Fernsehen ist keine Manege, keine hippe Werbeagentur, in der alle unglaublich kreativ sind und sich nicht mehr auf den Stühlen halten können vor lauter neuen Einfällen.

Apropos Werbung. Ist es wirklich, unter rein rationalen Gesichtspunkten betrachtet, noch zu verstehen, warum sich selbst das öffentlich rechtliche Fernsehen, an der einst von Helmut Thoma clever eingeführten, im Grunde aber völlig willkürlichen Vorgabe einer in Deutschland relevanten Zielgruppe der 14-49-Jährigen orientiert (zumal heute auch die Alten das Geld haben, auf das die Werbung abzielt)? Die Ermittlung der Quote hatte und hat allein ein einziges Ziel: Die Höhe der Preise für die Werbeblöcke zu ermitteln. Muss ein Bildungsprogramm mit ausgewiesenem „Public Value“ seine Qualität wirklich durch Quoten beweisen? Sicher, es müssten allgemein akzeptierte Standards und Kriterien für das eingeführt werden, was aus gutem Grund „Public Value“ hat. Und um es klar zu sagen: Natürlich gibt es auch in den kommerziellen Sendern „Public-Value“-Programme. Einmal vorausgesetzt, man hätte solche Kriterien definiert: Welchen Grund sollte es dann noch geben, ein radikal und konsequent umgesetztes Bildungs- und Informationsprogramm einem Quotendruck zu unterwerfen? Ist der einzige Grund der, dass man dann am Ende trotz „Public value“ die Politik nicht mehr ins Boot holen kann, weil sie, um sich selbst im Fernsehen sehen zu können, Quote, also potenzielle Wählerstimmen braucht? Für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft  scheinen mir klare, harte „Public- Value“- Richtlinien besser und sinnvoller zu sein als eine Regelung allein durch Einschaltquote. Ich würde mich sehr auf das Experiment freuen, für einige Zeit sämtliche Quotenmessung für Kultur- und Wissenschaftssendungen sowie politische Informationssendungen auszusetzen. Ich habe mich häufiger mit Naturwissenschaftlern über die Anwendung der in der Wissenschaft geltenden Standards für die Auswertung statistischer Daten auf Sendungen von Nischenprogrammen unterhalten. Es geht dabei um Sendungen, deren Quote im Messfehlerbereich liegen. Die Meinung war eindeutig: Quoten, die auf diese Weise gemessen werden, haben keinerlei Aussagewert, denn die „Ergebnisse“ der Messung liegen im statistischen Rauschen. Wenn beispielsweise eine Einschaltquote von 1,5 Prozent gemessen wurde, dann entspricht dem je nach Fernsehtag und Marktanteil ein verschämt kleines Sample von Menschen innerhalb des Panels von etwa 11.000 Teilnehmern. Die Messung ist daher so lange nicht genau, bis ich weiß, wie groß die Präzision dieser Messung ist. Diese Präzision wird durch das Konfidenzintervall angegeben, das in den Quotenmessungen jedoch nicht eigens ausgewiesen wird. Dennoch werden gerade Nischensendungen, die per Definition nicht die großen (und damit verlässlichen) Quoten einfahren, aufgrund solcher Schwankungen im Messfehlerbereich beurteilt und abgeschafft. Rational ist so eine Entscheidung nur, wenn man die Orientierung an der großen Zahl, der großen Quote, für das einzig verlässliche Instrument der Messung von Qualität und von Vertrauen des Zuschauers in das Produkt „Fernsehen“ hält. Doch gerade bei Nischensendungen wage ich zu bezweifeln, dass das eine rationale Annahme ist.

Vielleicht helfen zum Abschluss ein paar Thesen weiter, die Konturen des Fernsehens der Zukunft zu bestimmen.

1.         Einer der größten Irrtümer der Fernsehbranche (und der Politik, die auf das Tutti Frutti der Pluralisierung im Fernsehen setzte) ist der Glaube, Wettbewerb garantiere Fortschritt, Gewinn und Qualitätsverbesserung. Ein Blick in die Evolutionsbiologie zeigt, warum das nicht so sein kann. Wettbewerb zwischen Lebewesen führt nur zu einer weiteren Spezialisierung innerhalb der jeweiligen Nische. Oder wie der Neurobiologe Gerald Hüther in seinem neusten Buch bemerkt: „Konkurrenz führt immer nur dazu, dass das, was bereits entstanden ist, weiter spezialisiert wird“. Der Wettbewerb im Fernsehen führte – siehe Kochshows, siehe Talkshows – faktisch nur zu einem: Zu immer mehr Gleichförmigkeit (demselben Typ von Sendung mit sehr ähnlichen Typen, die diese Sendungen präsentieren) – und das auf immer mehr Kanälen. Dieses „Gesetz der Kanalisation“ ist eines der am schlechtesten verstandenen Prinzipien des deutschen Fernsehens. Natürlich steht es jedem frei, sein Glück mit einem Bibel-, einem Angler- und einem Softpornokanal zu versuchen, um in der jeweiligen Nische Geld zu verdienen. Faktisch aber bleibt ein derartig fragmentierter Markt ein Nischenmarkt. Erfolg haben beispielsweise amerikanische Serien, die auf einen breiten Markt zugeschnitten sind. Welcher deutsche Sender und welcher deutsche Produzent wäre vor einigen Jahren tatsächlich bereit gewesen, eine Serie im Vampir-Genre zu entwickeln? Man mag über „True Blood“ denken was man will: Aber es ist nicht ohne Ironie und Witz, wie in dieser handwerklich ausgezeichneten Serie Probleme durchgespielt werden, die die klassischen Themen sind: Pubertät, Fremdenhass oder die Suche nach der eigenen Identität.

2.         Eine Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Anstalten könnte es sein, im Kontext der Entwicklung hin zur immer größeren Zerstückelung der Märkte (der Kanalisation der medialen Welt) der Spezialist für universales Wissen, verlässliche Information und somit für die Frage nach dem Ganzen zu bleiben. Es ist gesellschaftlich von Bedeutung, dass auch das Fernsehen weiter nach einem Gesamtbild dieser Gesellschaft sucht und zur kritischen Orientierung beiträgt. Hegel definierte es als eine Aufgabe der Philosophie, ihre Zeit in Gedanken zu erfassen. Dem Fernsehen der Zukunft müsste es gelingen, unsere Zeit klar und genau in Bildern und Tönen zu erfassen.

3.         „Je komplexer die mit Hilfe der Ratio gestaltete Lebenswelt wird, je stärker sich das Spektrum der Handlungsmöglichkeiten des Menschen erweitert, desto mehr versagt das rationale Denken, wenn es darum geht, komplexe Zusammenhänge zu erfassen und sinnvolle, d.h. das eigene Überleben sichernde, Weiterentwicklung ermöglichende Entscheidungen zu treffen.“ Ich stimme diesem Satz des Neurobiologen Gerald Hüther zu und deute ihn als Aufruf, Irrationalismus einzudämmen und sich umso gründlicher um Verständnis und rationale Durchdringung der Welt zu bemühen. Angewendet auf die Frage nach der Zukunft des Fernsehens bedeutet das, dass Fernsehen die Angst vor der Kommunikation von Komplexität verlieren und lernen muss, gerade davor die Augen nicht mehr zu verschließen. Die Welt ist komplex – und es hilft nicht, wenn die Medien versuchen, sich selbst und andere über diese Tatsache hinwegzulügen. Das Fernsehen scheitert, wie mir scheint, weniger am Internet oder an den Sehgewohnheiten junger Menschen, sondern an sich selbst: An seiner eigenen Parzellierung und Fragmentierung und der Unfähigkeit, in einer immer komplexeren Welt Orientierungsmöglichkeiten zu bieten. Wer lernen will sich zu orientieren, muss seine Urteilskraft ausbilden. Das geschieht keineswegs nur in der Schule, an den Universitäten, in der Familie und im Berufsleben. Es geschieht auch in den Medien. Das Gesetz der Kanalisation, das vorherrschend geworden ist, macht es zunehmend unmöglich, die reale Komplexität der Welt zu erfassen – außer in unzusammengesetzten Splittern. Fernsehen sollte sich bemühen, die Beziehungen der einzelnen Elemente zu bestimmen und Zusammenhänge deutlich zu machen. Auch das gehört zur Bildung. Wenn das Fernsehen aufhört, diese Aufgabe einer verantwortlichen Reduktion von Komplexität zu leisten, dann untergräbt es selbst seine zukünftige Existenzgrundlage. Ich bin davon überzeugt, dass sich das Thema Umgang mit Komplexität auf allen Ebenen des Fernsehens und in allen Genres durchdeklinieren lässt – nicht nur im Bereich Kultur und Wissenschaft, sondern selbstverständlich auch im Sport, in der Politik, in der Unterhaltung, in Krimis und Fernsehfilmen. Zu dem, was man in Anlehnung an Luhmann Fernsehen „im Kontext anderer Möglichkeiten“ nennen könnte, gehört demnach (gerade in den öffentlich-rechtlichen Sendern) die Bereitschaft und der Wille, Zuschauer nicht zu unterfordern, sondern im Gegenteil hier und da zu überfordern.

4.         Damit diese Aufgabe, Komplexität besser zu verstehen, gelingen kann, muss das Fernsehen zwar einerseits pluralistisch bleiben, braucht aber aus ebendiesem Grunde paradoxerweise die Grundlage eines gesetzlich verankerten dualen Systems. Sendungen wie die, die ich derzeit mache, sind bei einer kompletten Liberalisierung des Systems undenkbar. Wären Quote und die Notwendigkeit, sich selbst über die Quote zu finanzieren, die alleinige Grundlage, wäre es mit Arte, 3sat und einigen anderen Programmen aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich wie bei Servus TV ein engagierter Sponsor findet, dürften eher gering sein.

5.         Wir haben – aufgrund des dualen Systems – eine der interessantesten Fernsehlandschaften der Welt. Wer es nicht glaubt, möge sich italienisches, spanisches, japanisches Fernsehen ansehen. Der Vorsprung des amerikanischen Fernsehens sowohl im Dokumentar- wie im Serienbereich hängt mit einer größeren Freiheit des Denkens und vor allem damit zusammen, dass in Amerika eine gut gemachte Minute das Drei bis Fünffache dessen kostet, was man in Deutschland dafür auszugeben bereit ist. Diesen Unterschied sieht man. Will das Deutsche Fernsehen eine Zukunft haben und international (wieder) wettbewerbsfähig sein, wird es diesen Umstand ändern müssen.

6.         Eines von McLuhans Mediengesetzen besagt: „Wir formen unser Werkzeug, und danach formt unser Werkzeug uns“. Diese Einsicht von McLuhan ist entscheidend für das Fernsehen der Zukunft: denn das Fernsehen, das wir derzeit haben, prägt auch seine eigene Zukunft und unsere mit. Karl Marx hatte darauf hingewiesen, dass man die Produktion nicht unabhängig von der Konsumption betrachten kann. Ein Produkt wird zum Produkt erst dadurch, dass es konsumiert wird. Ein Kleid, schreibt Marx, wird erst wirklich Kleid durch den Akt des Tragens. Der zukünftige Gebrauch in der Konsumption ist somit eine treibende Kraft der Produktion. In der Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie heißt es: „Nicht nur der Gegenstand der Konsumption, sondern auch die Weise der Konsumption wird daher durch die Produktion produziert, nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv. Die Produktion schafft also den Konsumenten.“ Anders formuliert: Das Fernsehen wird die Zuschauer haben, die es jetzt gerade heranzüchtet. Und die Bedürfnisse dieser Zuschauer werden, wenn es alleine um Abstimmung über Quoten geht – bildhaft gesprochen – immer mehr die Komplexität im Fernsehen abschaffen. Wer ständig Unterforderung produziert, produziert auch eine Konsumption, die die Spirale weiterer Unterforderungen in Gang setzt. Es entsteht ein Zwang, sich selbst ständig weiter unterbieten zu müssen. Das „Mediengesetz“ von McLuhan verweist daher in einem Doppelsinn auf die Notwendigkeit am Festhalten von Bildungsfernsehen. Viele Medienmanager verstehen unter Bildungsfernsehen fälschlicherweise ein Fernsehprogramm, in dem als „Bildung“ gelabelte Inhalte (Theater, Wissenschaft, Kunst etc.) bzw. ein als „Bildung“ gelabelter Kanon von Inhalten vorkommen muss. Tatsächlicher aber geht es im Bildungsfernsehen in einem viel entscheidenderen Sinn darum, das Fernsehen selber als Prozess der Bildung, als Produzenten von Bildung und Urteilskraft zu begreifen. In diesem Sinn ist Bildung nicht einfach etwas, das gezeigt wird, sondern ein Vorgang, der aktiven Gestaltung einer Rolle, in der Öffentlichkeit die Urteilskraft der Menschen, ihr Orientierungsvermögen und damit ihr Verständnis der Zeit zu stärken.

7.         Bei Aristoteles findet sich der Hinweis, dass Qualität – beispielsweise die Qualität einer Freundschaft – stets mit dem zu tun hat, was bleibt. Wer Qualität sucht, rät Aristoteles, sollte nach dem suchen, auf das inmitten allen Wandels Verlass ist. Sind unsere Medien, sind unsere Sendungen verlässlich? Haben wir zu Recht Vertrauen in sie? Geht man dieser Frage nach, stößt man auf das wahre Fundament der Frage nach dem Fernsehen der Zukunft. Es ist die Frage nach dem, was bleibt. Qualität hat mit Lebensqualität zu tun. Wie aber bewahrt oder steigert das Fernsehen die Qualität unseres Lebens? Wenn ich ehrlich bin, lautet meine derzeitige Antwort auf diese heikle Frage: Im Schnitt so gut wie gar nicht. Weil Qualität mit dem zu tun hat, auf das wir vertrauen können und auf das, was trägt und bleibt, hat Qualität immer auch mit Nachhaltigkeit zu tun. Nachhaltig bedeutet, dass das, was gut ist, weiter gut bleibt. Trägt das Fernsehen dazu bei, dass unsere Umwelt, unsere kommunikative Lebenssphäre auch für die nächste(n) Generation(en) noch lebenswert bleibt? Man könnte im Sinne des im Fernsehen stets geforderten Pragmatismus – der nicht selten nur ein anderer Begriff für Theorie- und Denkfeindlichkeit ist – fragen: Ist das, was uns heute an Unterhaltung (im doppelten Sinn: Als Amusement wie auch als Gespräch) geboten wird, tatsächlich das, was auch in Zukunft hält? Oder raubt uns das, was wir im Schnitt zu sehen bekommen, nicht gerade die Kräfte und die Phantasie, die wir brauchen, um buchstäblich überleben zu können? Es wird mehr darauf ankommen, Alternativen zur heutigen Lebensform zu entwickeln und zu einem besseren, nachhaltigen Umgang mit knapper werdenden Ressourcen, mit der Welt und mit uns zu finden. Es geht am Ende nicht um buntere und grellere Kanäle. In diesem Fall werden wir, so fürchte ich, selber den Kanal schneller voll haben, als uns lieb sein kann. Die zunehmende Unterforderung der Zuschauer führt dazu, dass sich immer weniger Menschen auf der Höhe der Zeit einschalten können. Auch Unterhaltung wäre dann tatsächlich, wie Niklas Luhmann bereits trocken konstatierte, lediglich eine Komponente „der modernen Freizeitkultur, die mit der Funktion betraut ist, überflüssige Zeit zu vernichten.“ Das Fernsehen der Zukunft weist in eine andere Richtung. Es wird um die Beantwortung der Frage gehen, was uns als Menschen ausmacht und wie wir in Zukunft miteinander leben wollen. Wer um eine wirkliche Antwort bemüht ist – und mir scheint, dass ein Versuch, gute Antworten zu finden, entscheidend für die Zukunft unserer Gesellschaft ist –, wird weder mit einer Strategie fortschreitender Kanalisation noch mit der Strategie immer weiterer Unterforderung auch nur einen Schritt weiterkommen.

Gert Scobel, geb. am 12.5.1959 in Aachen. Studium der Theologie und Philosophie in Frankfurt am Main und Berkeley, California. Mitarbeit an einem Forschungsprojekt u.a. an der University of San Francisco. Freier Mitarbeiter des FAZ-Magazins und Volontariat beim Hessischen Rundfunk mit dem Schwerpunkt Kultur und Wissenschaft. Autor von TV-Dokumentationen und Fernsehfeatures. Von 1995 bis 2007 Anchorman von „Kulturzeit“. Mitbegründer des werktäglichen Wissenschaftsmagazins „Nano“ auf 3sat sowie der Philosophiesendung „Nächster Halt“ (Kika). Redaktionsleiter und Moderator zunächst der interdisziplinären Sendung „scobel“ auf 3sat. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Fernsehpreis (1999), dem Bayerischen Fernsehpreis (2001) und dem Adolf-Grimme- Preis (2005). Autor mehrerer Sachbücher und Gastdozent u.a. zum Thema „Politik als komplexes System“ sowie „Risiko und Komplexität“ im Bereich Politikwissenschaften an der Universität Duisburg (NRW School of Governance).

Literatur:

ARD/ZDF Onlinestudie 2011

Research Flash, SevenOne Media, Juli 2011

Aristoteles: Die Kategorien. Griechisch/Deutsch, übersetzt und herausgegeben von Ingo W. Rath, Stuttgart 1998

Henk de Berg: Die Ereignishaftigkeit des Textes, In: Henk de Berg/Matthias Prangel (Hrsg.): Kommunikation und Differenz. Systemtheoretische Ansätze in der Literatur- und Kunstwissenschaft, Opladen 1993

Tyler Brulé: Twittern war gestern. Seriöse Information hat Zukunft, In: Die Zeit, Do 07.01.2010

Lutz Hachmeister: Tödliche Konkurrenz: Stirbt das Fernsehen?, In: Rheinischer Merkur 2008, Ausgabe 35

Jochen Hörisch: Die Zukunft der Qualitätsmedien. Überlegungen zur medialen Geltung von Greshams Gesetz, In: Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung, hrsg. v. Lorenz Engell und Bernhard Siegert, Heft 2/2011 sowie Wolfgang Hagen, Normative Holhmünzen, In: Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung, Heft 2/2011

Gerald Hüther: Was wir sind und was wir sein könnten: Ein neurobiologischer Mutmacher, Frankfurt am Main 2011

Niklas Luhmann: Betrachtungen der Moderne, Opladen 1992

Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien, 2., erweiterte Auflage, Opladen 1996 Alexander Pschera, 800 Millionen. Apologie der sozialen Medien, Berlin 2011

Karl Marx: Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie, In: http://www.mlwerke.de/me/me13/me13_615.htm

Marshall McLuhan: Understanding Media. The xxtensions of man, New York 1964

Marshall McLuhan/Quentin Fiore: Das Medium ist die Massage, Stuttgart 2011

Martina Richter (Hrsg.): More than TV. Handbuch für eine Branche, die sich neu erfindet, Köln 2011

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Letzte Änderung: 02.11.2017 16:31