Voll blamiert

Wenn private Fernsehsender Menschen bloßstellen
Von Peer Schader

In Dokusoaps und Unterhaltungsshows der Privatsender werden Protagonisten systematisch bloßgestellt, um das Publikum zu amüsieren. Dadurch etabliert sich eine Fernsehkultur, in der es zur Gewohnheit wird, die Einfalt von Menschen auszunutzen, die sich dem Fernsehen mit ihren privatesten Angelegenheiten anvertrauen. Die Programmmacher weisen jedoch jegliche Verantwortung dafür zurück.

Bevor Moderator Marco Schreyl an diesem Samstag im Mai des Jahres 2008 nach Mitternacht bekannt gab, wer vom Publikum zum nächsten „Superstar“ gewählt worden war, hatte sich auf der Bühne der RTL-Castingshow bereits ein wahrlich denkwürdiger Auftritt ereignet. Ein Mann mit schiefen Ohren und Hasenzähnen, ein Stripper, eine rundliche Dame im Marilyn-Monroe-Stopfkostüm, ein piepsstimmiger Michael-Jackson-Imitator und ein Typ mit Artikulationsproblemen im Spiderman-Kostüm sangen gemeinsam „We are the Champions“ – oder besser: sie versuchten es.
Jeder Einzelne von ihnen war bei „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) zuvor schon in den Castings unter Bescheinigung seines Nichtkönnens von der Jury um Dieter Bohlen fortgeschickt worden. RTL hat sie trotzdem zurückgeholt. Um den Zuschauern die Gelegenheit zu geben, sie alle gemeinsam auszulachen. In Internetforen und Blogs war die Empörung nach der Sendung groß. Dass Kandidaten sich in aller Öffentlichkeit blamieren, wenn sie zu DSDS gehen – daran hatte RTL sein Publikum gewöhnt. Aber diese Leute noch einmal einzuladen, um sie ihre Blamagen am Samstagabend live im deutschen Fernsehen wiederholen zu lassen, ging vielen dann doch zu weit.
Während sich im Internet auf Videoportalen wie dem RTL-eigenen Clipsfish.de noch zahlreiche Ausschnitte der DSDS-Staffel von vor vier Jahren ansehen lassen, sind die Zeugnisse besagten Auftritts der – vom Sender so bezeichneten – „Casting All Stars“ sämtlich auf wundersame Weise verschwunden. Von der professionellen Medienkritik wurde die Szene bis auf die Erwähnung in einzelnen Kritiken weitgehend ignoriert. Dabei ist sie aus heutiger Sicht betrachtet von wesentlicher Bedeutung für eine Entwicklung des privaten Fernsehens, die, vorangetrieben vor allem von RTL, im vergangenen Jahr 2011 ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat: die Bloßstellung nicht-professioneller Protagonisten zu Unterhaltungszwecken.
Die Sendungen, die sich dieser Strategie bedienen, heißen „Deutschland sucht den Superstar“, „Das Supertalent“, „Schwiegertochter gesucht“ (alle RTL) und „Schwer verliebt“ (Sat.1). Auch die frühere Einrichtungsshow „Einsatz in 4 Wänden“ (RTL) funktioniert inzwischen nach einem ähnlichen Prinzip. Dabei geht es nicht mehr ausschließlich darum, ob das private Fernsehen die Wirklichkeit verändert oder sogar drastisch manipuliert, um sie für sein Publikum spannender, also fernsehtauglicher zu gestalten – eine Problematik, wie sie angesichts der zahlreichen Reality-Shows und Dokusoaps seit Jahren diskutiert wird, zuletzt, als Katia Saalfrank die Zusammenarbeit mit RTL für das „Super-Nanny“-Format  aufkündigte, weil sie sich vom Sender zu sehr in ihrer eigentlichen Arbeit behindert sah. (RTL dementierte.) Auch die lebhaft geführte Debatte um Scripted Reality – Sendungen, die durch ihren Doku-Charakter Echtheit suggerieren, aber von Autoren geschrieben und von Laiendarstellern gespielt werden – hat mit dem Vorführfernsehen zunächst einmal nichts zu tun. Obwohl die Begrifflichkeiten, selbst bei hochrangigen Medienpolitikern, häufig durcheinandergeraten.
Das Wesen der Bloßstellungsprogramme ist es vielmehr, die Einfalt, die Hilflosigkeit oder gar die Krankheit von Menschen ausnutzen, die sich oftmals selbst beim Fernsehen beworben haben, um auf deren Kosten einen „unterhaltenden“ Effekt für den Zuschauer zu erzielen. Das geschieht entweder durch Schadenfreude, durch den Kitzel, sich gleichzeitig für eine Darbietung zu schämen und trotzdem nicht wegschalten zu können, oder indem Zuschauern ein Vergleich mit der eigenen Situation ermöglicht wird, die in der Regel besser ist als die im Fernsehen gezeigte, woraus sich ein Gefühl der Überlegenheit ergibt.

1. Die Methode „Schwiegertochter gesucht“

Nirgendwo sonst im deutschen Fernsehen gehört die Bloßstellung von Kandidaten so sehr zum Konzept wie in der RTL-Sendereihe „Schwiegertochter gesucht“, die 2011 bereits in der fünften Staffel ausgestrahlt wurde und von der früheren Sat.1-Talkerin Vera Int-Veen moderiert wird (Produktion: Eyeworks Germany). Das Konzept dieser Dokusoap stammt aus dem Ausland. Im Ursprungsformat „Who Wants To Marry My Son?“ geht es eigentlich darum, erwachsenen Männern, die immer noch bei ihrer Mutter leben und Single sind, „die perfekte Frau“ zu vermitteln. Dafür werden mehrere in der Regel attraktive Kandidaten bei arrangierten Kennenlerntreffen begleitet. Ihren Reiz bezieht die Sendung daraus, dass sich die Mütter einmischen und Kandidatinnen ihren Segen erteilen müssen.
In der deutschen Variante ist der Schwerpunkt ein anderer. Oberflächlich geht es immer noch darum, Singles mit ihrer großen Liebe bekannt zu machen. Auch die Mütter haben ein gewisses Mitspracherecht. Der Sender sucht aber gezielt Alleinstehende, die durch intellektuelle Schlichtheit auffallen. Kandidaten bei „Schwiegertochter gesucht“ sind Leute mit niedrigem Sozialstand, die Berufen mit geringen Qualifikationsvoraussetzungen nachgehen, sich ihre Zeit mit Kinderhobbys vertreiben, im zwischenmenschlichen Kontakt wenig bis keine Erfahrung haben und nicht selten über ein eingeschränktes Artikulationsvermögen verfügen. Ihre Vorstellung von Romantik leiten viele aus Daily Soaps, Herzschmerzfilmen und Liebesromanen ab.
Es gibt 30-Jährige, die in ihrer Freizeit Kratzbilder anfertigen; erwachsene Frauen, deren größte Leidenschaft Malen nach Zahlen ist, die Instant-Ingwertee mit Cola trinken oder Pullover mit Tiermotiven tragen; und Männer, bei denen auf der Sitzbank in der Küche eine ganze Kuscheltierarmee thront. Diese Menschen wenden sich ans Fernsehen, weil sie sich von dort Unterstützung erhoffen. Formell erhalten sie diese ja auch, indem ihr Partnergesuch einem Millionenpublikum präsentiert wird. Dafür müssen sie jedoch nicht nur ihr gesamtes Privatleben der Kamera öffnen, sondern auch hinnehmen, dass RTL sie und ihr Umfeld als Freakshow inszeniert, als ständige Abweichung von der Norm des Durchschnittszuschauers.
Die scheinbare Ernsthaftigkeit, mit der das Geschehen kommentiert wird, ist in Wirklichkeit beißende Ironie, angereichert mit Hauptsätzen auf Grundschulniveau. Moderatorin Vera Int-Veen unterstützt das, indem sie die Kandidaten zwar durchweg freundlich und scheinbar mit Respekt behandelt, sich zum Kaffee einladen lässt, den leckeren Kuchen lobt. Aber jedes „Schön hast du’s hier“ in der engen Mietwohnung mit der spießigen Baumarkteinrichtung und den selbst gemalten Delfinbildern an der Wand ist Sarkasmus. Die Kandidatin, die bisher von den Männern immer wieder verschmäht wurde, wird von Int-Veen nach ihrem Schönheitsideal gefragt: „Muss dein Traummann aussehen wie George Clooney?“ Zu dem blassen Personalausweisfoto des schnauzbärtigen Liebesbriefschreibers sagt sie: „Der hat was!“ Und wenn die „Raumpflegerin“ für ihren Schwarm kocht, darf sie „eine köstliche Lasagne zubereiten“, während im Bild zu sehen ist, dass sie lediglich Fertigtüten aufreißt. Im Grunde genommen geht es bei „Schwiegertochter gesucht“ vor allem darum, Menschen in ihrer Andersartigkeit auszustellen, ähnlich wie auch bei der RTL-Sendereihe „Bauer sucht Frau“ (Produktion: Grundy Light Entertainment, vormals: MME Moviement), deren Erfolg ganz offensichtlich Vorbild für die Konzeptanpassung war.

2. Sendungsübergreifende Mehrfachblamagen

Protagonisten, die sich der Auffassung des Senders zufolge beim Publikum „bewährt“ haben, werden dazu animiert, sich über mehrere Staffeln hinweg zu beteiligen – weil beim ersten Mal noch nicht der richtige Partner dabei war, eine vermeintliche Liebe wieder in die Brüche ging und natürlich, damit sich die Zuschauer weiter über sie amüsieren können. Mit Kandidatinnen, die von den Muttersöhnen aussortiert wurden, produziert RTL jährlich ein Special unter dem Titel „Schwiegertochter gesucht – Jetzt sind die Frauen dran“.  Zuletzt inszenierte der Sender darin unter anderem das Kennenlernen einer Protagonistin aus „Schwiegertochter gesucht“ mit einem ehemaligen Kandidaten aus „Bauer sucht Frau“.
Dass Kandidaten für Sendungen förmlich „herumgereicht“ werden, ist bei RTL ein genreunabhängiges Verfahren und ließ sich 2011 auch in der fünften Staffel der Samstagabendshow „Das Supertalent“ beobachten (Produktion: Grundy Light Entertainment). In diesem Format stehen längst nicht mehr Durchschnittsbürger mit versteckten Talenten im Mittelpunkt, sondern professionelle Artisten, Sonderlinge mit außergewöhnlichen Fähigkeiten – und reaktivierte Doku-soap-Stars.
In einer der ersten Castingfolgen ließ der Sender ein Paar auftreten, dessen Auftritt daraus bestand, dass die Frau ihren nur mit einer Unterhose bekleideten Partner mit Spaghetti Bolognese aus einem riesigen Topf beschmierte, um die Nudeln anschließend nur unter Zuhilfenahme ihres Mundes von ihm herunterzuessen. Im Hintergrund wurde Whitney Houstons Song „I will Always Love You“ gespielt. Dieselbe als „Liebesbeweis“ gemeinte Aktion hatte das Paar schon einmal in der nachmittäglichen RTL-Dokusoap „Mitten im Leben“ vorgeführt, allerdings nur zu Hause bei sich in der Küche. Mit Unterstützung von Stefan Raab, der sich in „TV total“ (ProSieben) über die Szene lustig machte, wurde der Ausschnitt zu einem der bekanntesten deutschen Clips bei YouTube. Für RTL muss das der Anlass gewesen sein, das Paar zu überreden, seine Blamage vor Millionen Zuschauern zu wiederholen – ähnlich wie die „Casting All Stars“ von DSDS. Unter „Buh“-Rufen aus dem Publikum und mit vernichtenden Kritiken der Jury mussten die beiden die „Supertalent“-Bühne schließlich verlassen.

3. Reaktionen der verantwortlichen Programmmacher

Die Programmverantwortlichen reagieren, wenn überhaupt, in der Regel mit Unverständnis auf Kritik an solchen Verfahren. Wesentliches Argument ist dabei – vor allem in Bezug auf die Verlierer während der Castings bei DSDS – immer wieder, dass die Kandidaten wissen müssten, worauf sie sich einlassen, weil sie ja seit Jahren im Fernsehen sehen können, wie die Show funktioniert. In einem Interview für den Band „Auf Augenhöhe? Rezeption von Castingshows und Coachingsendungen“ erklärt Ute Biernat, Geschäftsführerin der Ufa-Tochter Grundy Light Entertainment, die systematischen Bloßstellungen seien „sportlich“ zu sehen: „Natürlich sucht man dabei an den beiden Enden zuerst: Wer kann am wenigsten und wer kann das meiste? Das ist wie beim Fußball, da wird auch verdichtet und nur die interessantesten Szenen werden gezeigt.“
Tom Sänger, Unterhaltungschef bei RTL und verantwortlich unter anderem für DSDS und „Das Supertalent“, nennt Kritik an den Bloßstellungsszenen eine „natürliche Randerscheinung“: „Großer Erfolg und ein polarisierendes Format sind eine gute Vorlage für Diskussionen, bei denen immer recht schnell von Grenzen gesprochen wird. Grenzen, die man angeblich überschreite. Ich selbst habe damit so mein Problem“, sagte Sänger 2010 in einem Interview mit dem Mediendienst DWDL.de. Eine Verantwortung für Kandidaten, die sich selbst überschätzen und nicht absehen können, dass das Fernsehen sie nur als Opfer benötigt, lehnen die Macher ab, weil sie sich mit ihren Sendungen im rechtlichen Rahmen bewegen. Sänger: „Denn wenn aus regulativer Sicht nichts zu beanstanden ist, was uns die FSF [Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen] bescheinigt, dann bewegen wir uns wohl doch wieder in diesem schwer definierbaren Raum, an dessen Tür ,Geschmack‘ steht. Über den lässt sich bekanntlich gut streiten.“
Als Vera Int-Veen im März 2010 bei Stefan Raab in dessen Sendung „TV total“ zu Gast war und gefragt wurde, ob sie die Moderation von „Schwiegertochter gesucht“ als „Fluch oder Segen“ sehe, antwortete Int-Veen: „Es war am Anfang wirklich [ein] Fluch. Da hab ich gesagt: Was tust du hier? Das darfst du nicht. Dann hab ich gemerkt, die Leute wollen das, dass ich das tue, und ich liebe das mittlerweile sehr.“

4. Konsequenzen für die Fernsehrezeption

Oberflächlich gesehen ist dieser Umgang mit Protagonisten, bei dem das Fernsehen seine Überlegenheit ausspielt, eine Frage der Moral – oder eben des „Geschmacks“, wie Tom Sänger sagt. Aber natürlich haben die Inszenierungen konkrete Konsequenzen. Solche für die Protagonisten, von denen manche erst im Nachhinein merken, dass sie sich öffentlich zum Gespött haben machen lassen. Und solche, die prägend für die Fernsehkultur sind, weil die betroffenen Sendungen mit ihrem Millionenpublikum die Konkurrenz zu Kopien animieren.
Im vergangenen Jahr startete Sat.1 die Dokusoap „Schwer verliebt“ (Produktion: Ufa Entertainment), die quasi eine Eins-zu-eins-Kopie von „Schwiegertochter gesucht“ ist, nur mit der leichten Variation, dass hier Menschen zusammengeführt werden sollen, die wegen ihres Übergewichts bisher noch nicht die große Liebe gefunden haben. Die Protagonisten wurden nach ähnlichen Maßstäben wie bei RTL ausgesucht: aufgrund ihrer Schlichtheit oder einer kuriosen Eigenschaft, die sich über Wochen hinweg ausstellen ließ. Zu den Kandidaten gehörten eine bisexuelle Frau mit Bart, ein „einsamer Kirchgänger mit Schnappatmung“ sowie eine erwachsene Frau, die Barbie-Puppen sammelt und mit ihnen Sexpositionen nachstellt. Dass sich Sat.1 während der Ausstrahlung wegen angeblicher Manipulationen und der verfälschenden Darstellung einer Kandidatin mit ungewöhnlich intensiver Kritik konfrontiert sah, ist fast schon ironisch – weil RTL bei „Schwiegertochter gesucht“ davon weitgehend verschont bleibt. 

5. Systematische Privatsphärenverletzung in Doku-Formaten

Bloßstellung funktioniert im Privatfernsehen jedoch nicht nur über Blamage und Spott, sondern zunehmend auch, indem sich das Fernsehen in die intimsten Bereiche seiner Protagonisten einmischt, diese für ein Millionenpublikum öffnet und dabei notfalls auch in Kauf nimmt, nachhaltigen Schaden anzurichten. Mit seiner früheren Einrichtungsshow „Einsatz in 4 Wänden“ (Produktion: MME Moviement) hat RTL beispielsweise einen Trend aufgegriffen, der zuvor in unterschiedlichen Reportageformaten entwickelt wurde: das Abfilmen sogenannter „Messie“-Wohnungen, in denen Möbel, Müll, Geschirr, Essensreste und Tierkadaver aufgestaut werden, weil die Eigentümer es nicht aus eigener Kraft schaffen, aufzuräumen.
Unter dem Vorwand der schnellen Hilfe schickt RTL seine Deko-Expertin Tine Wittler zu Extr-emfällen, um ganze Häuser zu entrümpeln, halb abzureißen und wieder neu aufzubauen. Die Bewohner werden eine Zeit lang ausquartiert und nachher in frisch renovierte Räume zurückverpflanzt, die zum Schluss jeder Episode ausführlich in Katalogsprache gelobt werden.
Dass es sich bei der Ursache für die Aufräumstörung oftmals um tieferliegende psychische Probleme der Betroffenen handelt und das Chaos in der Wohnung meist nur eine äußere Entsprechung der inneren Aufgewühltheit ist, wird bei „Einsatz in 4 Wänden“ ebenso wenig thematisiert wie in den ähnlichen Formaten, die nach dem Quotenerfolg der RTL-Einrichtungsshow von konkurrierenden Sendern ins Programm genommen wurden, zum Beispiel „Messie-Alarm“ (Sat.1), „Achtung Messies!“ (Kabel 1) und „Das Messie-Team“ (RTL II).
Damit schadet das Fernsehen nicht nur denen, die ihre Problemen danach immer noch selbst regeln müssen, nur eben vor neuen Tapeten. Es sorgt auch dafür, dass bei den Zuschauern ein völlig falscher Eindruck bezüglich der „Messie“-Störung entsteht – weil es immer wieder als Faulheit oder Sturheit abgetan wird, wenn Betroffene die Hilfsaktionen abbrechen oder sich plötzlich von nichts mehr trennen wollen. Dabei sind viele von der Situation schlicht überfordert.
Durch eine effekthascherische Inszenierung und die entsprechende Kommentierung wird dieser Effekt noch verstärkt. „Sie hausen in der Messie-Hölle“, kündigt Sat.1 die Bewohner eines „Horror-Haushalts“ zur Musik von Rammstein an. Kabel 1 verspricht „Schlimmer Wohnen unter deutschen Dächern“ und lässt schon den Titel seiner Sendung wie die Warnung vor einem wilden Tier klingen. Bei RTL heißen die Folgen von „Einsatz in 4 Wänden“ im Untertitel wie Schauerromane: „Das Chaos-Haus der Messie-Familie“, „Die Höllenhütte des Bastelopas“ oder „Die Gruselgruft der Messie-Mutter“.
Bei Sozialarbeitern, die professionell Menschen betreuen, die vom Messie-Syndrom betroffen sind, hinterlässt diese Art Fernsehen ein Ohnmachtsgefühl – weil sich nichts dagegen ausrichten lässt, dass die Sender ein stark vereinfachtes oder sogar falsches Bild der Störung zeichnen, um mit den spektakulären Bildern und Geschichten gute Quoten zu erzielen. Und bei Betroffenen wächst die Angst, in ähnlicher Weise gebrandmarkt zu werden wie die Protagonisten im Fernsehen. Das kann dazu führen, dass sie sich gar nicht erst trauen, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen.

6. Ausblick: Verantwortung und Glaubwürdigkeit

Als eine Frage des „Geschmacks“ lassen sich solche Eingriffe in das Leben von Protagonisten nicht mehr abtun. In vielen Fällen übt das Fernsehen einen ganz konkreten Einfluss auf das Leben seiner Protagonisten aus, der irreparable Konsequenzen haben kann. Es wird sich auch in Zukunft kaum vermeiden lassen, dass Protagonisten sich im Fernsehen im wahren Sinne des Wortes „zur Schau stellen“, aus eigenem Antrieb oder unter Mitwirkung derjenigen, die eine Sendung gestalten – zumal die Selbstinszenierung von Bewerbern ein wesentliches Element vieler Reality-Shows ist.
Wo dabei die Grenze zu ziehen ist – was also erlaubt sein muss und was zumindest kritisch diskutiert werden muss – lässt sich schwer verallgemeinern. Deshalb wären gesetzlich festgeschriebene Restriktionen zur Kontrolle auch kaum geeignet, noch dazu, weil sie sich stets an der Grenze zum Eingriff in die Programmhoheit der Sender bewegen würden und die mit der Kontrolle beauftragten Landesmedienanstalten schon jetzt massiv überfordert sind. Umso wichtiger ist es jedoch, dass die Programmverantwortlichen ihre Verantwortung anerkennen und sich dessen bewusst werden, dass ihre Art der „Unterhaltung“ keineswegs folgenlos bleibt und die Protagonisten nicht automatisch unbeschadet aus diesem Prozess entlässt.
Es braucht eine genauere Abwägung, um zu entscheiden, welche Kandidaten sich bewusst auf ein öffentliches Abenteuer einlassen – und welche womöglich überfordert damit sind, die Konsequenzen für sich abzuschätzen. Das ist ein mühsamer Prozess, und im Tagesgeschäft vermutlich auch lästig. Doch die derzeitige Auffassung, sich in Generalverträgen nicht nur sämtliche Persönlichkeits- und Bildrechte überschreiben lassen zu können, sondern dies auch als Generalerlaubnis zu verstehen, mit dem gefilmten Material ohne Rücksicht auf die Interessen Dritter verfahren zu dürfen, wird dem Fernsehen auf Dauer massiv in seiner Glaubwürdigkeit schaden.

Peer Schader, geboren 1977, ist freier Journalist in Berlin und schreibt unter anderem für FAZ, FAZ.NET, „Berliner Zeitung“ und „Spiegel Online“ über Fernsehen.

Literatur:

Joachim von Gottberg: Mein oberstes Gebot ist gute Unterhaltung – „Deutschland sucht den Superstar“ aus Sicht der Produzentin. Joachim von Gottberg im Gespräch mit Ute Biernat. In: Daniel Hajok/Olaf Selg/Achim Hackenberg (Hrsg.): Auf Augenhöhe? Rezeption von Castingshows und Coachingsendungen, Universitätsverlag (UVK) Konstanz 2012.

Thomas Lückerath: „Herr Sänger, was erlaubt sich RTL bei ‚DSDS‘?“, DWDL, 3. Februar 2010. Im Internet:
http://www.dwdl.de/interviews/24589/herr_snger_was_erlaubt_sich_rtl_bei_dsds/

Login Jahrbuch-Datenbank

Bitte geben Sie Ihre Zugangsdaten ein.

Bestellung Printversion

Exemplar bestellen

Bestellen Sie das Jahrbuch Fernsehen 2018 zum Preis von 34,90 Euro (zzgl. Versand).

» zur Bestellung

Letzte Änderung: 10.12.2018 12:47