Deutschland, deine Krimileichen

Muss es immer Mord sein?
Von Katja Herzog

Keine Frage – das Fernsehjahr 2011 wurde im Bereich der Fiktion erneut von einem Genre maßgeblich geprägt. Dem Krimi. Wo man hinschaut, werden Leichen entdeckt, Vermisste gesucht, Spuren gesichert und Täterprofile erstellt. Mehr und mehr Sendeplätze geraten in die Hände von Ermittlern, die in letzter Zeit gern auch mal selbst stark problembelastet sind, uns am Ende aber glücklicherweise doch immer wieder Entlastung verschaffen, indem sie eine Lösung zum Rätsel finden. Ordnung ist wiederhergestellt. Gute Nacht, schlafen Sie gut.
Es gibt viele einleuchtende Gründe, warum der Krimi bei Programmplanern, Kreativen und beim Publikum so populär ist. Aber ist es auch einleuchtend, dass wir uns – voraussichtlich auch in 2012 – auf eine Art „Dauerkrimisendung“ einstellen müssen?
Ist dieses Genre denn wirklich das Einzige, mit dem wir unser Publikum dauerhaft unterhalten und halten können?
Spricht man heute mit, sagen wir mal, unter 40-Jährigen über ihren Fernsehkonsum, so bekommt man immer öfter zu hören, dass das Fernsehgerät bereits abgeschafft wurde, ohnehin nur noch amerikanische Serien auf DVD geschaut werden und ansonsten das Internet sowieso alles bereithält. Das Phänomen, dass Fernsehen von seinen manchmal heimlichen Zuschauern abgewertet wird, als sogenanntes „Guilty Pleasure“ gilt, ist nicht neu. Neu und kaum mehr zu übersehen ist allerdings, dass sich bestimmte Teile des Publikums von den klassischen Vollprogrammen abwenden.
Die jüngst veröffentlichten Zahlen zum erneuten Anstieg des TV-Konsums scheinen auf den ersten Blick dagegen zu sprechen. Doch betrachtet man das Phänomen genauer, so kann man feststellen, dass dieser Zuwachs in Minuten vor allem bei den Jüngeren auch auf eine immer stärkere Fragmentierung des Fernsehkonsums zurückzuführen ist, also eine Abwanderung in Richtung Spartenkanäle stattfindet (vgl. Horst Stipp, Media Perspektiven 5/2009). Ein anderer, alarmierender Aspekt ist der drastische Bedeutungs- und Bindungsverlust, den das Fernsehen vor allem bei den 14- bis 29-Jährigen in den letzten Jahren erlitten hat, wie in der ARD-Langzeitstudie zu den Nutzungstrends von Medien deutlich wird. (vgl. Birgit van Eimeren/Christa-Maria Ridder, Media Perspektiven 1/2011)
Nun hören jene, von denen die Rede ist natürlich nicht auf, fiktionale audiovisuelle Inhalte zu konsumieren. Nur suchen sie die eben nicht mehr nur im Fernsehen. Und sie werden fündig: Bei illegalen Filesharing-Portalen, bei YouTube, in der iTunes-Mediathek oder im DVD-Angebot bei Amazon.
Bei den von diesem Publikum bevorzugten Inhalten handelt es sich eben nicht ausschließlich um Krimis. Beliebte Serien wie zum Beispiel „Sex and the City“, „Two and a half men“, „Breaking Bad“ bieten Unterhaltung fernab vom klassischen „Whodunit“-Inhalt.
Sie bieten Geschichten und Themen, die in deutschen Produktionen bedauerlicherweise und zu Unrecht vernachlässigt werden, mit dem Ergebnis, dass ein Teil unseres einstigen Fernsehpublikums woanders findet, was es sehen möchte. Es kann auch „ohne uns“. Aber können wir es uns leisten, dieses Publikum dauerhaft zu verlieren?
Natürlich ist diese Problematik unter den Fernsehmachern und Entscheidern bekannt. Aber was wird getan, um Publikum zu halten und/oder zurückzugewinnen?
Es wird weiter auf Krimi gesetzt.

Die wohlige Wärme eines Krimiabends
Der Krimi ist schon seit jeher ein populäres TV-Genre. Die Gründe dafür sind leicht nachvollziehbar. Der Krimi bietet seinem Publikum schnell eine klare Verabredung an: Leiche gefunden, jetzt wird der Mörder gesucht. Nach 60 oder 90 Minuten wird der dann mit Sicherheit gestellt. Kaum ein Krimiformat, das sich dieser erzählerischen Logik verweigert. Ein Fernseh-Krimi ist ein bisschen wie ein Abend unter Freunden. Man kennt den Gastgeber, man kennt seine Wohnung, stellt sich im Vorfeld schon auf die Kochkünste ein und hofft ein bisschen, dass zwischen all den vertrauten Gesichtern heute auch mal ein noch unbekannter Gast mit am Tisch sitzt. Einer reicht allerdings.
Übertragen auf die Macherseite heißt das: Der klassische Krimi birgt wenig Risiko, das Publikum zu verprellen, das erfahrungsgemäß die Rätselspannung innerhalb vertrauter Koordinaten schätzt. Also mehr davon. Krimi bedeutet Planungssicherheit und Risikominimierung. Zudem bietet der Krimi mit seinen fast durchweg mit beliebten Darstellern besetzten Ermittlerfiguren eine gute Möglichkeit, „Helden fürs Wohnzimmer“ zu kreieren, die Woche um Woche Welterklärerfunktionen übernehmen und Standpunkte vermitteln oder, wie Günther van Endert, Leiter der Redaktion Fernsehspiel II beim ZDF es formuliert: „Krimis geben Halt, denn in ihnen wird Bedrohliches, Ungewisses von den Protagonisten sozusagen stellvertretend für die Zuschauer bezwungen. Sehr zugespitzt ließe sich sagen, aus Angst wird Unterhaltung.“
Dass bei der Suche nach solchen „Identifikations-Leuchttürmen“ auch schon mal die Balance verloren gehen kann zwischen der Entscheidung für einen Inhalt und der für einen populären Darsteller, zeigte sich erst vor Kurzem mit der Verpflichtung von Til Schweiger zum NDR-„Tatort“-Kommissar. Mit einem Wisch waren alle bis dato diskutierten Konzepte vom Tisch. Was man mit Til Schweiger erzählt, wird man dann schon sehen.
Das alles ist seitens der Programmmacher durchaus rationales Verhalten, denn Fernsehen ist ein Massenmedium. Und wer dem Fernsehen vorwirft, Massen erreichen zu wollen, argumentiert irgendwie ins Leere. Traditionelle Krimisendeplätze wie der „Tatort“ in der ARD oder die „Sokos“ und der „Samstagkrimi“ beim ZDF sollen daher hier nicht im Fokus stehen. Aber das Genre ist raumgreifend und eroberte sich im letzten Fernsehjahr neue, bis dato anders bzw. offener gestaltete Sendeplätze.

Provinzielle Heiterkeit im ARD-Vorabend
Eine immerhin zwei Jahre vorbereitete Programminnovation der ARD war 2011 die Umstellung des Vorabends auf eine neue Programmfarbe: Dem heiteren Provinzkrimi. Neben dem hanseatischen „Großstadtrevier“ ermitteln nun am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag jeweils zwei ungleiche Partner, damit neben der Krimispannung auch noch ein bisschen komische Reibungsenergie entstehen möge. Die Frage, ob es gelungen ist, die „Todeszone“ Vorabend damit wieder in hoffnungsvollere Bahnen zu lenken, muss aktuell mit Nein beantwortet werden. Die Quoten sind mager, sowohl beim Gesamt- wie auch beim „jungen“ Publikum, die Serien selbst hinterlassen einen schalen Nachgeschmack von Unoriginalität und fehlendem Esprit.
Über den Claim der neuen Serienreihe „Heiter bis tödlich“ wurde schon haufenweise Häme ausgeschüttet. Dabei waren die Erfinder des Slogans eigentlich nur ehrlich. Die Tatsache, dass gar nicht mehr die Rede ist von Krimi-Komödie, sondern eben vom „heiteren“ Krimi, trifft die Sache nämlich ganz gut.
Das friesische Husum, Büdringhausen im Münsterland und Wolfratshausen in den bayerischen Voralpen sind die Spielorte der neuen Serien. Die Provinz ist beliebt bei Fernsehmachern.
Bernhard Gleim, NDR-Redakteur und zuständig für einige der neuen Vorabend-Produktionen, begründet dies so: „Es mag sein, dass die Blaupause des erfolgreichen Regionalkrimis der ARD „Mord mit Aussicht“ hier gewirkt hat, es mag aber auch sein, dass die Welt der Provinz in besonderer Weise von skurrilen Typen bevölkert ist und damit ein geeigneter Platz für volkstümlichen Humor zu sein scheint. (…) Sicher spielt auch die Sehnsucht nach dem Ländlichen (die zum Erfolg von Zeitschriften wie „Landlust“ geführt  hat) eine Rolle.“
Anknüpfend an diese Gedanken zur Sehnsucht nach dem volkstümlichen Humor könnte man meinen, dass mit der Strategie, Geschichten im Nichturbanen anzusiedeln, durchaus auch zeitkritische Aspekte verfolgt werden. Auf dem Land, dem Dorf etc. wird nicht nur das heile Leben, sondern eben auch das „Echte“ vermutet. Auf diese Orte projiziert die „Burnout“-gefährdete Leistungsgesellschaft gern ihre Sehnsucht nach der heilenden Kraft des Unangepassten. Es gibt die Hoffnung, hier auf Protagonisten zu treffen, die ihr Leben noch nach der eigenen inneren Uhr und nicht nach der Stechuhr leben, die noch reden, „wie ihnen der Schnabel gewachsen ist“, die sich erfolgreich Moden und Trends mit der ganzen Gelassenheit eines „Mir san mir“ entgegenstellen.
Wie schön hätte es sein können! Hätte man das Potenzial an Themen genutzt und die Chance, dem Zeitgeist mal so richtig in den Hintern zu treten, nicht sofort wieder vertan.
Die Dörfler im Vorabend sind nicht eigenwillig, sondern einfältig. Die Welt, in der sie leben, ist – bis auf den obligatorischen Mordfall – heil bis drollig, so dass man vor Langeweile einschlafen will und nichts davon glauben mag. Hier tut nichts weh, denn es geht um nichts.
Dabei macht es sich die ARD eben doch selbst vor, wie es gehen kann. In der wirklich komischen Krimiserie „Mord mit Aussicht“ trifft die kettenrauchende Stadtneurotikerin Sophie Haas (gespielt von Caroline Peters) auf ein skurriles Figurenensemble in der Eifel. Eine Gruppe voller liebenswerter Antihelden löst Fälle, auf die es eigentlich gar nicht so sehr ankommt, denn die sind wenig mehr als äußere Anlässe, den Figuren beim Leben zuzuschauen.
Es sind vor allem sorgfältig entwickelte Figuren und eine genaue Beobachtung ihrer Lebenswelt, die eine Konzeption originell machen und aus einem Fernsehprogramm eine Lieblingssendung werden lassen. Formatierungsgedanken, die gleich die gesamte Programmschiene im Auge haben müssen, scheinen aber der Killer für die Entwicklung solcher liebenswerter und in Erinnerung bleibender Figuren zu sein.
Wen wundert es da, dass der neue ARD-Vorabend momentan wenig geliebt wird?

Nach Rezept - Das ZDF-Fernsehspiel der Woche
Auch auf dem Sendeplatz, der als „Königsklasse des Spielfilms“ gilt, macht sich der Krimi immer breiter. Schon seit geraumer Zeit folgen die Titel des „ZDF-Fernsehfilms der Woche“ einem Schema, das ein wenig an die grishamsche Rezeptküche erinnert: „Die Tochter des Mörders“, „Der Mörder meines Vaters“, „Der Tod meiner Schwester“, „Die Seele eines Mörders“… Dahinter verbergen sich oftmals sehenswerte Stoffe, im Kern Familiendramen, die jedoch in das Schema eines Ermittlerkrimis eingepasst werden, um an die Frau und den Mann gebracht zu werden. 
Günther van Endert betont die Vielfalt der Krimi-Erzählformen am Montagabend: „Vom Landschaftskrimi über die Familientragödie bis hin zum packenden Thriller über das organisierte großstädtische Verbrechen ist alles Gute drin.“ Ja, durchaus, dies alles war im Bouquet enthalten. Dennoch scheint eine Folge der Bemühung, dem Zuschauer Woche um Woche eine klare Spannungsofferte zu  machen, immer wiederkehrende erzählerische Muster, die in der Summe schon einmal den ermüdenden Beigeschmack von „Rezeptfernsehen“ haben können.
Da gibt es beispielsweise die Frau, meist zwischen 35 und 45 Jahren, die in ihre meist ländliche Heimat zurückkehrt. Dort ist alles anders als in der Stadt. Vermeintlich menschlicher, vermeintlich ehrlicher. Doch all das entpuppt sich schnell als Illusion, denn im Heimatdorf wird etwas verschwiegen. Das Geheimnis kann die Heldin nur mit der Hilfe ihrer Jugendliebe, die sie nach Jahren in der Heimat wieder trifft, lösen. Wenn sie schließlich Glück hat, findet sie in dem Mann aus ihrer Vergangenheit endlich das langersehnte Liebesglück. Wenn es weniger gut für sie läuft, muss sie ausgerechnet ihn als Missetäter stellen und fährt wieder als Single ab.
Diese Töchter oder Schwestern, die sich aufmachen müssen, um lange gehütete Familien- oder Dorfgeheimnisse zu lüften, sind nur eine weitere Variante eines bekannten Erzähltrends: Weibliche Ermittler. Und nun bitte keine Missverständnisse! Es ist nichts, aber auch rein gar nichts gegen die häufige Darstellung von Frauenfiguren zu sagen. Nur kann einen doch hin und wieder der Verdacht beschleichen, dass es gar nicht so sehr um die Darstellung heutiger Frauenfiguren, ihrer Gedanken- und Gefühlswelten geht, sondern um eine simple Gleichung: Frauen schauen Fiktion und die brauchen Geschlechtsgenossinnen als Identifikationsfiguren. Zur Identifikation taugen sie häufig aber nur bedingt. Denn oft ist ihr Verhalten, ihre ganze Existenz nur dem Plot und einer möglichst sofortigen Wiedererkennbarkeit ihrer Typologie verpflichtet. Das macht sie zur austauschbaren Oberfläche und endet schließlich in Beliebigkeit.
Wie man da (auch als Frau) aufatmet, wenn man etwas so Lebendiges und Glaubhaftes wie die neue ARD-„Tatort“-Kommissarin Conny Mey (grandios verkörpert von Nina Kunzendorf) aufgetischt bekommt. Endlich – eine Frau aus Fleisch und Blut, der man tatsächlich auch im echten Leben begegnen könnte und auch Lust dazu hätte. Was hat sie, was andere nicht haben? Schwächen, Ironie und Witz und einen eigenen, unverkennbaren Standpunkt, der manchmal sogar polarisiert. Dass sich so viel Arbeit und sicher auch Liebe zum Erzählen dann auch in der von Kritikern oft verpöhnten Währung `Quote` auszahlt, ist wunderbar, denn es zeigt, dass sich Zuschauerinteresse und Qualität eben nicht ausschließen.
Gleiches gilt für das wunderbar schräge Krimisequel „Tödliches Wespennest“, in dem Hinnerk Schönemann einen herrlich unperfekten Privatschnüffler gibt. „Krimi light“ at its best… Klug und leicht, tonal eher an die schwarze Komödie denn an klassische Whodunnits angelehnt und ein ausgesprochener Publikumserfolg dazu.

Monokultur ist Verlust von Erzählkultur
Sicher, noch sind die Quoten der Krimi-„Ware“ relativ stabil. Wo ist also das Problem?
Das Problem liegt nicht bei dem einzelnen Kriminal-Spielfilm, der einzelnen Krimi-Reihe oder Krimserie. Das Problem liegt in der Häufung.
Eine einst reiche, erzählerische Kultur unserer Fernsehlandschaft entwickelt sich hin zu einer Monokultur, die den Krimi in Endlos-Schleife als Wunderwaffe der Unterhaltung betrachtet.
Dieses Phänomen betrifft auch nicht einzelne Sender. Denn: Alle sind mit von der Partie, der Eintönigkeit den Vorzug zu geben.
Während der „Fernsehfilm der Woche“ beim ZDF aktuell eigentlich als „Krimi der Woche“ bezeichnet werden könnte und bei der ARD die Ermittler zwar immer komischer werden (aber leider nur wenige Komödien entstehen), testete Sat.1 das Comeback-Potenzial seiner 90er-Jahre-Krimiserie „Wolffs Revier“ und schickte mit „Hannah Mangold & Lucy Palm“ einen weiteren Kandidaten für eine neue Krimi-Reihe ins Rennen. Und RTL? Statt an die erfrischende Tonalität der erfolgreichen Arzt-/Familien-/Frauen-Serie „Doctor`s Diary“ anzuknüpfen, entschied man sich in Köln mit „Die Draufgänger“ und „IK1 – Touristen in Gefahr“ für die actionreichere Variante von – Sie ahnen es – Ermittlerteams.
Wenn auf allen Kanälen immer öfter Ähnliches angeboten wird, dann ist damit zunächst einmal die potenzielle Gefahr einer Übersättigung mit der Folge eines zunehmenden Desinteresses des Publikums verbunden. Doch das ist noch nicht alles. Jenseits der Quote steht auch etwas anderes, weniger Greifbares auf dem Spiel: Die Vitalität des Systems.
Die gelobten und geliebten amerikanischen Serien, die natürlich auch die allermeisten deutschen Kreativen und Entscheider der Fernsehbranche gut kennen und gern sehen, werden sicherlich mit anderen Budgets realisiert. Aber wer lediglich auf die finanziellen Grenzen deutscher Produktionen verweist, steckt den Kopf zu schnell in den Sand. 
Neben aufwendigen Produktionen wie „Lost“ oder „Boardwalk Empire“ entstehen auch richtungweisende Sitcoms wie „Friends“ oder„Two and a half men“, Familienserien wie „Parenthood“, serielle Dramen wie „Six Feed Under“, Provokationen wie „Breaking Bad“, schrille Entwürfe wie „Boston Legal“ und junge Serien wie „Glee“. Nicht jede dieser Produktionen war beim deutschen Publikum erfolgreich, aber darum geht es auch nicht.
Es geht vielmehr darum wahrzunehmen, dass sich diese von uns verehrten, Fernsehproduktionen zum einen durch eine sehr hoch entwickelte Erzählkultur und zum anderen durch Vielfalt auszeichnen: Vielfalt in der Wahl der Charaktere, deren Lebensentwürfe und Altersstrukturen, der Settings, der Tonalitäten, Genres und Erzählmuster, der Milieus.
Diese Vielfalt ergibt in der Summe einen erzählerischen Reichtum, von dem wir hierzulande momentan nur träumen können.

Vielfalt – das gabs mal
Dabei ist es ja nicht so, dass wir es nicht könnten. Oder muss es heißen: konnten?
Was hatten wir nicht alles? Liebevolle, unterhaltsame und populäre Sozialkomödien wie „Drei Damen vom Grill“ oder „Die Hausmeisterin“. Knarzige Helden wie „Liebling Kreuzberg“ oder „Der Fahnder“. Serien voller ironisch-zärtlicher Weltbetrachtungen wie „Monaco Franze“ oder „Irgendwie und sowieso“. Und die vielen tollen deutschen Familienserien! Was stellenweise bei „Diese Drombuschs“ in einer Folge an Drama passiert ist, könnte man sich heutzutage bei „Familie Dr. Kleist“ kaum noch vorstellen. Oder die wunderbare und an Modernität bis heute kaum erreichte Patchwork-Familienserie „Aus heiterem Himmel!“, in der zwei Männer gemeinsam mit drei Kindern, inklusive Adoptivsohn, eine Familie bilden. Das war Mitte der 90er. Heute haben wir „Unser Charly“, in der ein Affe und seine Lausbubenstreiche im Zentrum der Geschichten stehen. Da läuft doch etwas schief.

Zurück in die Zukunft – bitte
Fernsehen ist Mainstream. Aber Mainstream schöpft, um vital und aussagekräftig zu bleiben, aus den Subkulturen und muss sich zum alltäglichen Leben hin öffnen. Immer wieder, immer neu.
Die Welt, in der wir leben, verändert sich aktuell in rasanter Weise. Kaum eine Gewissheit, die heute nicht auf den Kopf gestellt und neu betrachtet wird.
Auch unser Liebes-, Familien- und Arbeitsleben wie die gesamte öffentliche Sphäre haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Es gibt homosexuelle Bürgermeister, türkischstämmige Politiker, eine protestierende Mittelschicht, jede Menge Ich-AGs, Männer in Elternzeit, facebookende Manager, Lesben, die sich Kinder wünschen, eine Heerschar von vereinsamten Singles in Großstädten, immer größere Armut, Autoritäten, die reihenweise zerbröseln … Aber was sehen wir von diesen Realitäten im Fernsehen?
Nicht sehr viel. Und wenn, dann fehlt meist die „Augenhöhe“ mit solchen Figuren.
Das sogenannte Prekariat taucht fast ausschließlich in den Non-Fiction-Formaten der Privatsender auf. Ihre Darstellung dort folgt bekannten Klischees, die die soziale Distinktion nur weitertreiben. Wenn aber hie und da einmal ein Sozialhilfeempfänger als Figur in der öffentlich-rechtlichen Primetime dargestellt wird, ergeht es ihm meist nicht besser: Er säuft, prügelt und palavert. Er kann keiner von uns sein.
Genauso verhält es sich mit Ausländern. Natürlich darf alle paar Jahre mal ein Türke ins Programm. Meist geht es dann um Gemüsehandel, Beschneidungsfeiern, lustige Kannack-Sprache oder Drogenhandel. Mehr fällt uns dazu leider noch nicht ein.
Doch man muss eigentlich gar nicht so sehr an den angeblichen „gesellschaftlichen Rand“ gehen, um zu illustrieren, was gemeint ist. Auch junge Menschen werden vom Fernsehen links liegen gelassen. Ihre Probleme, ihr Lebensgefühl sucht man (fast) vergeblich im Fernsehprogramm der Primetime. Wahrscheinlich glaubt man sie bei „GZSZ“ gut aufgehoben.
Und nun ja, sogar Männer sind Opfer dieser „Diskriminierung“ durch einfältige Zeichnung. Natürlich: Wir sehen sie als Polizisten, Ärzte und Familienpatriarchen. Aber auch in diesen Rollen haben wir selten mehr als eine Schablone für sie vorgesehen. Die Geschichte, wie eine Frau nach 30 Jahren Ehe von ihrem Ehemann schnöde wegen einer Jüngeren verlassen wird – 1000 Mal gesehen. Ein Liebesfilm mit einem Mann in der Hauptrolle – Fehlanzeige.
Dabei zeigen einige Filme aus dem Fernsehjahr 2011, dass Geschichten, die sich thematisch öffnen und weniger schematische Protagonisten erzählen, sowohl beim Gesamtpublikum gute Quote machen, aber eben auch bei den unter 50-Jährigen einen Nerv treffen können.
Die leicht und lakonisch erzählte Männerdramödie „Freilaufende Männer“ etwa, die sich den ewig männlichen Traum von Freiheit und Abenteuer vornimmt und seine ziemlich authentisch gezeichneten männlichen Hauptfiguren vor die Wand laufen lässt, ohne sie zu demontieren.
Oder auch ein sich behutsam entfaltendes Familiendrama wie „Die fremde Familie“, das seine Figuren genau beobachtet, in keiner Sekunde spekulativ ist und dennoch überhaupt nicht verkopft, sondern brutal emotional erzählt.
Aber eben auch ein großer historischer Zweiteiler wie „Schicksalsjahre“, der den Mut hat, ganz auf seine Melodramen-Dramaturgie zu vertrauen, und vor dem Hintergrund der allzu oft ins Spektakuläre gewendeten Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs ganz einfach eine große Liebes- und Lebenstragödie erzählt.
Trotzdem wird aktuell auf der Suche nach einem Quoten-Erfolgsrezept weiter in erster Linie auf das Genre Krimi gesetzt. Mit diesem Trend ist ein anhaltender Verdrängungsprozess anderer Genres und Formate verbunden: Die Familien- und Jugendserie, der Liebesfilm, die Komödie, das Drama, die Tragödie.
Dass unter diesen Umständen Vielfalt und Originalität leiden müssen, liegt auf der Hand. Dabei steht zu befürchten, dass Übersättigung beim Publikum eintreten wird genauso wie der weitergehende Bedeutungsverlust unserer Angebote für jüngere Zielgruppen. 
Schützen wir also die Diversität, fördern erzählerische Artenvielfalt und wenden uns wieder öfter dem Leben da draußen zu!

Katja Herzog, geboren 1975, ist Medienwissenschaftlerin und arbeitet als TV-Produzentin für die H&V Entertainment GmbH in Berlin.

Literatur:

Horst Stipp: Verdrängt Online-Sehen die Fernsehnutzung? In: Media Perspektiven 5/2009

Birgit van Eimeren/Christa-Maria Ridder: Trends in der Nutzung und Bewertung der Medien 1970 – 2010, S. 4-5. In: Media Perspektiven 1/2011

Login Jahrbuch-Datenbank

Bitte geben Sie Ihre Zugangsdaten ein.

Bestellung Printversion

Exemplar bestellen

Bestellen Sie das Jahrbuch Fernsehen 2018 zum Preis von 34,90 Euro (zzgl. Versand).

» zur Bestellung

Letzte Änderung: 10.12.2018 12:47