Jahrbuch Fernsehen

Das Jahrbuch Fernsehen als Printversion

Das neue JAHRBUCH FERNSEHEN 2020 - die 29. Ausgabe.

Das JAHRBUCH FERNSEHEN „bündelt die treffendsten Analysen mit den kreativsten Kritiken und zahllosen Hintergrundinformationen zum Genre.“ (Spiegel Online) und ist mit seinem aufwändigen und aktuellen Service- und Adressenteil „unverzichtbarer Wegbegleiter durchs Jahr“ (NZZ) und anerkannte Standardpublikation der deutschen TV-Landschaft. Es erscheint seit 1991.

Die Herausgeber – das Institut für Medien- und Kommunikationspolitik, die „Medienkorrespondenz“, das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik und das Film Festival Cologne – bürgen für die journalistische Qualität und medienpolitische Unabhängigkeit der Publikation. » mehr...

Essay-Leseproben

Die Bilder, die wir waren

Virus-Jahr 2020: Das Fernsehen in und nach den Zeiten von Corona
Von Torsten Körner

Aus Wasser und Bildern

Der Mensch besteht aus festen und gasförmigen Stoffen. Er besteht aus Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff, aus Kalium, Natrium, Magnesium und Eisen. Die Liste der Bestandteile ist nicht vollständig. Die Hauptbestandteile des menschlichen Körpers – das ist weithin bekannt – sind Wasser und Bilder. Vollkommen unbekannt hingegen ist, woraus Bilder bestehen, welches Gewicht sie haben und welche Krankheiten durch den Mangel oder Überfluss an ihnen hervorgerufen werden. Forscher äußern die Vermutung, dass der prozentuale Anteil des Bildvolumens an der Körpermasse des Menschen eher zu- als abnimmt, vereinzelt wurden auch endogene Bildkontaminationen beobachtet, schwere Verläufe endeten tödlich.

Beschirmen

Welche Folgen die Corona-Pandemie auf unsere Weltbild-Beziehungen haben wird, ist kaum abzusehen. Unübersehbar aber war doch, dass sich Weltbilder, Welt/Bildschirmbeziehungen veränderten, dass das Fernsehen sich neu justieren musste und der »bildschirmvermittelte Weltbezug« (Hartmut Rosa) überhaupt ein anderer wurde. Die Rettungsschirme, die begrifflich und monetär überall aufgespannt wurden, korrespondierten mit den Bildschirmen, die auch zu Rettungsschirmen und Alltagsstabilisatoren wurden. Nahezu alle Medien gewannen in Corona-Zeiten an Zuspruch, aber es ist nicht sicher, ob sie daraus ihre Identität stabilisieren oder ihren Profit maximieren können.

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» Das gesamte Essay lesen Sie im Jahrbuch Fernsehen 2020

Tom Buhrows Omagate-Affäre

Die mangelnde Widerstandsfähigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien vor rechtem Astroturfing
Von Samira El Ouassil

2019 war das Jahr der Fridays for Future-Demonstrationen und des Kampfes der Generationen um Diskurshoheit hinsichtlich des Klimawandels. Es war aber auch das Jahr in dem wir das Erstarken rechtsextremer Bewegungen beobachten konnten. Daher war ein umgedichtetes, satirisches Kinderlied, das der WDR im Dezember auf seiner Facebookseite veröffentlichte, in dem eine Oma zur Umweltsau erklärt wurde und welches Rechte zur Attacke auf die Öffentlich-Rechtlichen missbrauchte, trotz allen Irrwitzes im Grunde ein sehr passendes Finale.

In der Quatschversion des Stücks »Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad« wurden Billigfleischkonsum und Kreuzfahrten angekreidet, der letzte Vers endete mit der Drohung »We will not let you get away with this«, einem Zitat der Aktivistin Greta Thunberg; aber es war in erster Linie der Refrain »Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau«, der zum Auslöser einer mehr tägigen Publikumsempörung werden sollte, die sich im Netz unter dem Hashtag #Omagate entlud. Als sich digital die Mistgabeln anbahnten, wurde das Video vom WDR gelöscht. Der WDR2-Programmchef Jochen Rausch zeichnete ein WDR2-Spezial auf, das Zuhöreranrufe erlaubte, um sich den Fragen und der Kritik der Öffentlichkeit zu stellen und um sich zu entschuldigen. Auf diese Weise meldete sich auch Tom Buhrow persönlich aus einem Krankenhaus zu Wort, wo sein Vater lag, um zu erklären, dass dieser ältere Herr eben keine Umweltsau sei, er bezeichnete in diesem Rahmen das Lied außerdem als einen »Fehler« und bat ebenfalls um Entschuldigung. Gleichzeitig schalteten sich auch Politiker in die wutschnaubende Gesellschaftsdiskussion ein, was bei Kunstfreiheitsdebatten immer die Aussicht auf noch mehr Erregtheit verspricht, weil politische Reaktionen zumeist die nächste Eskalationsstufe einleiten – die dann tatsächlich auch spätestens an dem Punkt eintrat, als WDR-Mitarbeiter Morddrohungen erhielten. Buhrow äußerte sich erneut, diesmal in einer Videobotschaft, in der er betonte, dass man den Fehler eingestanden habe, jedoch zugleich erschüttert fragte: »Was ist in unserem Land los, dass ein missglücktes Video zu Morddrohungen führt? Wir müssen doch wieder zur Besinnung kommen.«

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In den besten Familien

Der Wandel deutscher Verlegerdynastien seit 1990
Von Hans-Jürgen Jakobs

Es war noch einmal ein Auftritt, wie es sich für deutschen Verlegeradel geziemt. Ein Bekenntnis, wie man es all die Jahrzehnte seit 1945 gehört hatte, eine Gefühlsbezeugung zu Standort und Auftrag, zu Verantwortung und Verlegertum. Also pries die Frau, die im April 2008 vom Vorstand in den Aufsichtsrat des Zeitschriftenhauses Gruner + Jahr wechselte, bei ihrer Abschiedsparty vor 700 Gästen die Kraft einer lebendigen Eigentümerschaft: »Der Jahr-Clan wächst, und er hält zusammen wie Pech und Schwefel.« Man werde zu Gruner + Jahr stehen, »denn es ist Liebe, und dies ist ein Versprechen.« Jahre zuvor hatte sie erklärt: »Zu keinem Preis sind wir gewillt, zu verkaufen.« Die Liebe, die Verlegertochter Angelika Jahr-Stilcken da in der Hamburger Fischauktionshalle beschwor, ist jedoch eindeutig schlechter zu vererben als beispielsweise Geld und Grundstücke. Und so kam es, dass trotz des Versprechens der allseits gehuldigten Schöner-Wohnen-Besser-Essen-Journalistin bereits 2014 der hanseatische Clan der Jahrs seine Sperrminorität von 25,1 Prozent am Kapital von Gruner + Jahr dem Gütersloher Mitgesellschafter Bertelsmann verkaufte. Es soll noch ein Verkaufserlös im niedrigen dreistelligen Millionenbereich für die Heimstatt von »Stern«, »Brigitte«, »Geo« und anderer Blätter angefallen sein. Die hinter Bertelsmann stehende Familie Mohn hatte schon lange nach der vollen Kontrolle über Gruner + Jahr Ausschau gehalten, ohne danach jedoch den ökonomischen Kriechgang des einst einflussreichen Hauses auffallend stoppen zu können.

Der Ausstieg der Jahr-Familie, deren dritte Generation den Journalismus aufgab und lieber Banken und Spielbanken, Häuser und Firmen als Geschäftszweck begreift, war ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr sich das Mediengeschäft unter dem Einfluss von Digitalisierung, »Social-Networking« und Nachfolgeproblemen verändert. Wie deutsche Dynastien, die Presse und Fernsehen der Bundesrepublik aufgebaut haben, teils aussteigen, teils verschwinden, teils an Bedeutung verlieren, teils sich – durchaus radikal – den Bedingungen eines globalen, finanzgetriebenen Kapitalismus anpassen. Die großen Verlegerfamilien dieses Landes erfahren selbst das, worüber ihre Zeitschriften und Zeitungen seit langem ausdauernd schreiben: Disruption.

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Letzte Änderung: 29.01.2021 16:13