Jahrbuch Fernsehen

Das Jahrbuch Fernsehen als Printversion

Das neue JAHRBUCH FERNSEHEN 2021 - die 30. und letzte Ausgabe.

Das JAHRBUCH FERNSEHEN „bündelt die treffendsten Analysen mit den kreativsten Kritiken und zahllosen Hintergrundinformationen zum Genre.“ (Spiegel Online) und ist mit seinem aufwändigen und aktuellen Service- und Adressenteil ein „unverzichtbarer Wegbegleiter durchs Jahr“ (NZZ) und anerkannte Standardpublikation der deutschen TV-Landschaft. Es erscheint seit 1991.

Die Herausgeber – das Institut für Medien- und Kommunikationspolitik, die „Medienkorrespondenz“, das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik – bürgen für die journalistische Qualität und medienpolitische Unabhängigkeit der Publikation. » mehr...

Essay-Leseproben

ARTE: Medium und Marke

Der deutsch-französische Kulturkanal im Wandel der Zeit
Von Bruno Patino

ARTE blickt auf eine mehr als dreißigjährige Geschichte zurück, geprägt durch zahlreiche Veränderungen und Herausforderungen. Diese haben ARTE in seiner Identität gestärkt und die einzigartige Position des Senders in der europäischen Medienlandschaft gefestigt. Dies war nur möglich, indem ARTE frühzeitig und entschieden auf neue Trends reagiert, Innovationen gefördert und diese seinen Werten angepasst hat.

Im Jahr 2021 bewegt ARTE sich in einem immer stärker umkämpften Feld, das gleichzeitig mit der Digitalisierung auch noch einen fundamentalen Transformationsprozess erlebt. Neben der Fragmentierung der Nutzungsgewohnheiten zeichnet sich die Medienbranche sowohl im Unterhaltungs- als auch im Informationsbereich aktuell vor allem durch einen Angebotsüberfluss aus. Dank des technologischen Fortschritts war es noch nie so einfach, sich zu informieren: jederzeit, überall und auf verschiedensten Kanälen. Innerhalb weniger Minuten bahnen Nachrichten ihren Weg über den gesamten Globus und Geschichten aus einem kleinen Teil der Welt, stoßen heutzutage scheinbar mühelos überall auf Resonanz. Doch dieser Prozess hat auch seine Schattenseiten. Der fortlaufende Informationsfluss führt zu Unübersichtlichkeit bis hin zu Überforderung. Die Unmittelbarkeit und Frequenz, mit der uns Geschehnisse oder neue Serien erreichen, münden nicht selten in einem Kampf um Aufmerksamkeit, mit den entsprechenden Folgen. Nur selten bleibt die Zeit, selbstständig zu selektieren, zu recherchieren, zu verifizieren und zu reflektieren.

Außerdem darf dabei nicht übersehen werden, dass die Mobilität von Informationen, Meinungen und Erzählungen nur vermeintlich grenzenlos ist. In einer Welt, in der Daten zu einer strategischen Ressource geworden sind, wird unsere Perspektive zunehmend von Algorithmen bestimmt, die unseren Konsum, und damit unsere Sicht der Dinge leiten und häufig einschränken. Die Vielzahl der Angebote spiegelt somit nicht unmittelbar die notwendige Vielfalt unserer zunehmend komplexen Gesellschaften wider.

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Blasser dünner Junge, Zweites Dickes Fernsehen

Über die Fernsehkarriere des Jan Böhmermann
Von Torsten Körner

Als das ZDF starb, wählte es 112 und es kam Jan Böhmermann. Der Rettungssanitäter in Ausbildung wusste nicht so recht, ob er Lidocain, Adrenalin, Wurstwasser oder Eierlikör aufziehen und dem Patienten injizieren sollte. Das ZDF wusste nicht so recht, ob man es bei dem jungen Mann mit einem Sargträger, einem Tatortreiniger, einem Hochstapler à la Gerd Postel oder einem Eierlikör-Vertreter zu tun hatte.

Die seltsamen Vergleiche zeigen schon an, dass man es mindestens mit einer querkomischen, einer vielleicht heilig-unheiligen oder einer strategisch-programmpolitisch genialen bis flagellantenhaften Entscheidung zu tun hat. Das Tor steht weit auf für Interpretationen, es wird um dünnes Haar gehen und Hämorrhoiden, um Intendanten und Loriot, um Zynismus und Ironie und um alte weiße Jungs. Und um Barack Obama und Angela Merkel. Mindestens eine der vorangestellten Oppositionen ist aus lauter Jux und Dollerei gewählt worden und wird nicht eingelöst. Vielleicht wird sie aber auch doch eingelöst. Tatsächlich weiß der Autor an dieser Stelle noch nicht, was hinten rauskommt. Das spricht eher für Jan Böhmermann und gegen den Autor, aber nicht von vornherein gegen den Text. JB ist mindestens eine Wundertüte, darauf wird man sich einigen können.

Liest man sich durch die eigenen Erinnerungen und die Texte alter Tage, dann staunt man, wie früh dem jungenhaften Entertainer Erlöser-oder Rettungssanitäter-Kompetenzen zugeschrieben wurden. Als er das erste Mal ins größere Scheinwerferlicht trat, zusammen mit Charlotte Roche in ihrer gemeinsamen Talkshow „Roche & Böhmermann“ (2012), wurde JB zur Rettung oder der Zukunft des deutschen Fernsehens stilisiert. Harald Schmidt war bereits auf dem absteigenden Ast seiner Karriere und JB, der ehemalige Sidekick von „Dirty Harry“, wurde offenbar als Nachwuchs-Dekonstruktivist angesehen, also einer, der die Bild- und Formbestände des Fernsehens plündert und Sinn stiftet eher in Zerfallsprozessen als im Verleimen verloren-verlogener Bildwelten.

So agierte er auch in „Roche & Böhmermann“, einem Talkshow-Format, das unfassbar nervte oder unfassbar begeisterte, auf jeden Fall polarisierte. In der ersten Folge verglich ein Einspielfilm die Biografie des Studiogastes Marina Weisband (damals Mitglied der Piratenpartei) mit der von Adolf Hitler, was auch im Rückblick einigermaßen fassungslos macht. Dass die Gäste sich meistens nichts zu sagen hatten, war Konzept der Sendung, und dass forciert geraucht und getrunken werden sollte, war lahme Reminiszenz an ein „Mad-Men“-Gestern, das den Jüngeren glorreicher schien, als es war. Schwer zu ertragen war der Hang zum Coolsein auf Teufel-komm-raus, weder der Teufel noch die Coolness ließen sich blicken. Irgendwie passte das noch nicht, Coolsein und Deutschsein, entweder kippte alles ins Pampige oder Grobe, ins Sentimentale oder Moralische.

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Wir glauben, was wir sehen

In den neuen Erzählformen der boomenden Streaming-Plattformen steckt auch die Chance auf eine neue Weltsicht
Von Jenni Zylka

Vor vielen Jahren, als man sich Serien noch auf DVD besorgen musste, und sich der Nachschub aufgrund komplizierter Veröffentlichungsmodalitäten oft verzögerte, ertappte man sich schon mal frühmorgens zitternd vor dem Eingang einer Kita stehend. Nur weil jemand die neue Staffel einer bestimmten Serie versprochen hatte. »Ich gebe morgens um 6 Uhr in deiner Gegend das Kind ab, das ist die einzige Möglichkeit – oder nächste Woche«. Bis nächste Woche konnte man aber keinesfalls auf die Übergabe der DVD-Box warten. Denn man war druff.

Und ist es immer noch. Die Möglichkeiten des Konsums haben sich zwar geändert. Aber Augenringe bedeuten auch heute nicht mehr unbedingt, dass man traurig ist, oder alt, oder eins von den dreißig Bierchen am Abend zuvor schlecht war. Die sichtbar zu kurze Nacht kann schlichtweg auf Bingen hinweisen: Vielleicht hat man am Abend zuvor mit »The Chair« auf Netflix angefangen, und konnte nicht mehr aufhören. Und schaute die Folgen bis zum Ende der Staffel, bis 3 Uhr morgens durch. Wie auf Drogen, nur weniger schädlich.

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Letzte Änderung: 05.01.2022 13:24